8. Die Gewißheit

 

 

Die Zimmer der Staatsanwälte sind hell und lichtdurchflutet. Mit großen Fenstern, deren marode Jalousien allerdings im Sommer keine Funktion haben. Moderne, kunststoffbeschichtete Schreibtische, in praktischem Grau gehalten, quellen über vor roten Aktendeckeln. Je nach Ordnungssinn des Beamten verteilen sich die Papierberge mehr oder weniger gleichmäßig im Raum. Graumelierte Filzfliesen am Boden konkurrieren mit weißen Lochfliesen an der Decke.

Ein stattlicher Monitor ermöglicht den Anschluß über das Internet an die Welt der Juristerei.

 

Die meisten Staatsanwälte wollen es sich nicht allzu gemütlich machen in ihren Büros. Niemand soll auf die Idee kommen, man würde sich etwa am Arbeitsplatz noch wohl fühlen. So versuchen nur vereinzelt - meist zu hoch gehängte -  Kunstdrucke, der geschäftsmäßigen Atmosphäre ein wenig Wärme einzuhauchen. Aber gegen die weißen Wände, gegen die braun furnierten Zimmertüren und gegen das grellweiße Neonlicht kämpfen selbst renommierte Künstler vergebens.

Die Seitentür zum Nachbarn steht meist offen, daß man den Kollegen bei Bedarf auch mal etwas fragen kann.

 

Wichtigstes Requisit der Ausstattung ist aber nach wie vor das Telefon. Manche halten es für das wichtigste Hilfsmittel der Staatsanwaltschaft. In Ingolstadt sind die Wege besonders kurz. Mit den Richtern duzen sich die meisten Strafverfolger ohnehin, auch mit vielen Rechtsanwälten - was aber für Karl Wiegler nur bedingt gilt. Aber auch zu allen anderen Institutionen hat die Strafverfolgungsbehörde zumeist einen guten Draht. Und ist auch schwer auf demselben.

Viele Beschuldigte, im Fachjargon „Kunden“ genannt, meinen, für sich ein gutes Wort einlegen zu können, wenn sie nur allzu oft dem Staatsanwalt ihres Vertrauens auf die Nerven gehen.

 

In der Justiz ist der Kunde aber nicht König.

 

Per Telefon werden so Fälle vorbesprochen, eilige Entscheidungen vorbereitet und auch juristische Probleme erörtert. Rechtliche Streitfragen und tatsächliche Schwierigkeiten können so ganz unverbindlich angerissen werden. Und, sofern möglich, bereits im Vorfeld beseitigt werden.

Die zunehmende Flut von Verfahren zwingt zur Kommunikation.

 

Aber nicht alles ist diskutabel.

 

Zuweilen ist man in der Sache zwar nicht derselben Ansicht, aber der Ton bleibt meist freundlich, nahezu familiär. Wenn auch, wie man sich leicht ausmalen kann, nicht mit jedem. Zuweilen kann man auch deutlich werden in dem einen oder andern Punkt und sich weit aus dem Fenster lehnen.

Zugeknöpfte und zurückhaltende Richter und Staatsanwälte, die sich eher bedeckt halten, gibt es aber durchaus auch.

 

Aber den offenen fällt die Arbeit leichter.

 

 

(Fortsetzung demnächst möglicherweise auf Amazon)

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