Goethes Schlittschuh
09 Dez. 2011Anfang der Woche fragte mich jemand auf Gesichtsbuch, ob ich nicht Lust hätte, in Pfaffenhofen an der Ilm zu lesen. Klar hatte ich die, man muß doch jede Gelegenheit nutzen. "Goethes Schlittschuh" hieß die Veranstaltung und gründet sich darauf, daß der Dichterfürst angeblich einmal auf der Ilm (allerdings nicht auf der, die durch die lebenswerteste Stadt der Welt führt) Wntersport betrieben hatte. Zuerst hieß es, daß man nun leider alle Vorleser zusammen hätte, dann aber, daß man doch noch einen Startplatz für mich frei hätte.
Ich wählte eine meiner Taxigeschichten aus, übte sie ein paar Mal (wobei ich allerdings auch noch meinem Mammutprojekt "Lesung eines GANZEN Buches zum Proben verpflichtet bin) und fuhr dann mit meiner Lieben im Regen ins abendliche Pfaffenhofen.
Das Ganze entpuppte sich als Wettbewerb.
Von dem ich - die engagierten Organisatoren mögen mir verzeihen - noch nie etwas gehört hatte.
Die Veranstaltung war richtig groß aufgezogen, mit riesiger Lichtanlage und einer Kamera, die das Event nicht nur aufnahm, sondern auch in weitere Nebenräume projizierte. Es waren an die 80 Menschen da, darunter sogar der Bürgermeister, der nicht einmal eine Rede hielt (der Mann ist nicht umsonst sehr beliebt). Ein eloquenter Journalist ermittelte per Zufallsgenerator die Reihenfolge der Autoren (in dieser Disziplin wurde ich immerhin auf Anhieb Zweiter), über die die dreiköpfiger Jury mit auserlesenen Juroren zu richten hätte.
Vor so vielen, unbekannten Menschen hatte ich noch nie gelesen, mein Lampenfieber war entsprechend intensiv. Ab dem Zeitpunkt aber, ab dem ich auf der Bühne saß (die meine Vor-Leserin aus künstlerischen Gründen mit Kartoffelchips garniert hatte), war ich in meinem Element, meine "Performance" konnte ich sogar ein wenig genießen. Nach mir kamen noch ein sehr junger Mann, dessen Nervosität sich genau umgekehrt zu meiner verhielt (er war vor dem Auftritt die Ruhe selbst und fieberte auf dem Podium herzerfrischend vor sich hin), eine Dame mit sehr bayrischen Texten, ein Lokalmatador mit einer grandiosen Variation auf "Die heiße Schlacht am kalten Büffet" (mein Favorit), ein ausgesprochen ernsthafter Jüngling mit einer komplizieren Geschichte über Insekten im Nachtleben und nicht zu vergessen ein Albaner, der Gedichte zuerst in Landessprache, dann in einer deutschen Übersetzung darbrachte.
Zwischendrin gab es die längste 10-Minuten-Pause des Jahres, bevor die Jury sich beriet.
Und zu meiner Überraschung ausgerechnet den Verfasser der Taxigeschichte zum Sieger kürte.
Nun steht ein Wanderpokal in meinem Wohnzimmer. Nächstes Jahr, wenn der nächste Glückliche ihn beherbergen darf, wird auf der Seite "Michael von Benkel" eingraviert sein.
Welch ein Abend. Mein erster Literaturpreis.
Dein erstes Mal vergißt Du nie.
Und hier noch ein link