Anachronismen
09 Aug. 2009 Glatze zu tragen, beschert dem Träger im allgemeinen wenig Freude, allen herbeigeredeten Sexappeals von Bruce Willis und Telly Savalas zum Trotze. Zuweilen bringt Glatzenbildung auch für die Umgebung wenig Grund zur Freunde: Wenn dies Ausdruck allzu rechter Gesinnung ist zum Beispiel. Volles Haar dagegen gilt als Zeichen von Jugend und Tatkraft, obwohl so mancher Haarschopf sich schon in jungen Jahren zu lichten beginnt.
Warum eigentlich: Haar ist doch eigentlich ein Anachronismus.
Ein Teil der Restbehaarung aus archaischer Zeit.
War der Urmensch noch affenartig am ganzen Körper mit dichtem Haarkleid ausgestattet, ist seitdem der Haarwuchs stark zurückgegangen. Und nur noch auf Augenbrauen, Wimpern, Achsel- und Intimbehaarung und eben Haupthaar beschränkt. Und, bei Männern noch an Brust, am Kinn und zuweilen unglücklicherweise auf dem Rücken. Was man, wenn man ein Mann ist, oft vergißt: Haare auf Beinen und Armen (Haare auf den Zähnen hingegen zählen nicht). Die Werbeindustrie hat nunmehr der Menschheit vor allem im Westen erfolgreich eingeredet, man müßte gegen seinen Haarwuchs etwas tun. Und stellt dafür Fünffach-Klingen zur Verfügung, ohne die man nicht auskommen kann, wenn man dazugehören will. Achselhaare gelten als extrem retro, auch bei Männern. Und auch die Zahl der intim Rasierten geht stetig nach oben (natürlich benötigt man hierfür nicht nur Zeit, sondern vor allem auch mannigfach Gerätschaften, die nicht umsonst zu haben sind). Diesen Sommer soll sogar das Abrasieren der Augenbrauen forciert werden, als neuer Trend.
Man will offenbar die Evolution des Menschen vorantreiben zu einer völligen Haarlosigkeit.
Nur beim Haupthaar ist das anders.
Da wirkt man tunichst der Kahlheit entgegen, durch Perücken, durch Echthaarverpflanzungen, durch allerlei Zaubermittel. Da ist das Voranschreiten des Menschen zu einem haarlosen Wesen, das sich so weit wie möglich vom Affen unterscheidet, plötzlich nicht mehr angezeigt. Da wird die Stirnglatze vor allem langweiligen Buchhaltern zugeordnet, da sind die Geheimratsecken eher ein Zeichen, daß man sich aus der Welt der testosterongeschwängerten Casanovas verabschiedet hat.
Komisch eigentlich. Wie Mode so unlogisch sein kann.
Das ist doch haarsträubend.
Das ist doch haarsträubend.
Sollten wir nicht lieber ehrlich auf die Evolution warten?