Fußball
08 Aug. 2009 Seit gestern hat die luftleere Zeit ihr Ende, in der das allgemeine Interesse sich mit so unwichtigen Dingen wie Politik oder gar Kunst beschäftigen mußte. Nun kann man seine ach so kostbare Zeit wieder mit dem runden Leder verbringen (das weder rund noch Leder ist). Man kann den Millionären beim Geldverdienen zuschauen und sich somit sportlich betätigen. Die Sonne ruft nicht mehr nach draußen, man holt sich das sonnenüberflutete, satte Grün ins Wohnzimmer und kann sich bei Untätigkeit aktiv und von Chips und Pizza satt zeigen. Es geht wieder um Tabellen, Tore, menschlich anrührende Geschichten rund um die Ungerechtigkeit des Fußballgottes und es geht auch ein Riß durch deutsche Familien.
Denn Fußball ist aller Emanzipation zum Trotze vor allem in männlicher Hand.
Weibliche Begeisterung für die schönste Nebensache der Welt ist nach wie vor die Ausnahme.
Hat man sich früher für seine Fußballleidenschaft noch geschämt, ist auch in höheren Kreisen Interesse am Rasensport keine Schande mehr. Soziologische und sogar philosophische Studien haben diese Königsdisziplin längst geadelt. Hatte vor nicht allzu langer Zeit der Kampf von 22 Männern um ein bißchen Luft, eingenäht in Kunststoff, noch den Ruch, ein wenig rustikal und proletarisch zu sein, hat inzwischen auch die bessere Gesellschaft die Möglichkeit für sich entdeckt, mit Bodenständigkeit ihren eigenen Marktwert zu erhöhen.
Und Marktwert ist ganz wichtig, wenn es um Fußball geht.
Denn dieser hat seine Unschuld schon lange verloren, wenn es um den schnöden Mammon geht.
In der Tat wohnen da Normalverdiener auch einem Vorgang des Cash Flow im Millionenbereich zu, Sphären also, die sie selbst kaum jemals erreichen werden. Es geht um das ganz große Geld, um Werbeeinnahmen, um Ablösesummen und Senderechte in schwindelerregender Höhe.
Macht das den Reiz des Fußballs aus?
Oder, daß es sich beim Spiel der unteren Klassen auf Ackerfurchen um dasselbe Spiel handelt wie beim Endspiel um die Weltmeisterschaft? Ein Stück Traum vom großen Ruhm auf den Hinterhöfen der Nation. Im Grunde also der gleiche Mechanismus wie beim Lotto: Mit etwas Glück kann man den ganz großen Einwurf machen und aus der miesen Gegend hier rauskommen. Wohin man nach der großen Karriere zurückkehrt, um einem großen Boulevardmagazin dann seine Ursprünge zu zeigen, mit Wehmut in der Stimme und einem Haufen Bares auf der hohen Kante. Und man muß sich nicht einmal verstellen, muß keine Manieren lernen, kann sich weiterhin Bildung und Kunst verweigern, aber dennoch mit Königen verkehren.
Die neureichen Lottomillionäre versuchen dagegen meist, sich in den höheren Schichten - fast immer vergebens - zu assimilieren.
Dann wird auch über einen gesagt, man habe sich nicht verbiegen lassen.
Eine Aufstiegsmöglichkeit also, die keine Schranken kennt, keine Standesdünkel und auch keine Berührungsängste mit dem Pöbel. Demokratie also in seiner urigsten und ehrlichsten Form. Da kann man keinen geraden Satz sagen, noch dazu mit inhaltlich eher fragwürdigen Aussagen, und schafft es doch auf die Couch auch seriöser Talkshows. Und die Meinung solcher Emporkömmlinge ist gefragt.
In Zeitungen und Magazinen widmet man ihr ganze Sparten.
Wie sich das wohl auf die geistige Befindlichkeit der Welt auswirkt?
Man sollte sich die Welt einmal anschauen, dann wird einem manches klar.