In Behörden wechseln gelegentlich auch höherrangige Mitglieder in andere Ämter. So scheiden Behördenspitzen altersbedingt aus, andere wandern zu anderen Ressorts oder zumindest an andere Orte ab. Und neue rücken nach. Die alten wollen verabschiedet, die neuen begrüßt werden. Hierfür werden aus anderen Behörden mindestens gleichrangige Beamte eingeladen, zudem die Spitzen aller örtlichen Institutionen, denen man irgendeine Bedeutung beimißt.
Und da sitzen sie dann, die wichtigen, die höhergestellten, die leitenden Vorgesetzten und harren der Dinge.

Allem voran der Begrüßungsrede. 

Denn anscheinend wissen die unten sitzenden nicht mal selbst, daß sie anwesend sind, denn sie wollen namentlich begrüßt werden. Und das auch noch in der richtigen Reihenfolge. Tatsächlich ist diese Reihenfolge eine Wissenschaft für sich. Und damit der arme Redner auch nichts falsch macht, werden die Reden auch vorher von der Protokollkommission - die gibt es wirklich - bei den Ministerien geprüft. Nicht, daß ein wichtigerer Mensch ausgelassen wird oder auch nur nach einem unwichtigeren Zeitgenossen genannt wird. 
Damit auch alle wissen, daß die anderen auch da sind.

Und daß auch sie selbst da sind. 

Zwar kennt man sich bestens, denn man hat sich schon bei unzähligen Anlässen ähnlicher Art getroffen. Aber man muß ja auch darauf aufmerksam gemacht werden, daß alle anderen auch da sind. Weil man das ohne die Rede vermutlich gar nicht registriert hätte. Und auch ist interessant zu wissen, an welcher Stelle der Hierarchie im Saale man steht (beziehungsweise sitzt). 
Hier werden die ersten niemals die letzen sein.

Wer zuerst kommt, zählt zuerst.

Wenn man bedenkt, wieviele hochbezahlte Menschen dort sitzen und vom Steuerzahler dafür bezahlt werden, sich anzuhören, wie wichtig sie sind, könnte man angesichts angeblich leerer Kassen der öffentlichen Hand doch ein wenig nachdenklich werden. Vor dem Hintergrund, daß solche Veranstaltungen, je höher man anzusiedeln ist, einen desto öfter treffen, geht so mancher Euro des Staatsbürgers für die Begrüßung seiner Diener, also der Staatsdiener dahin.
Und sie sitzen und lauschen der endlosen Rede, die nur von ihnen selbst handelt und keinen anderen Zweck hat, als ihnen ihre Bedeutung und ihre Anwesenheit zu bestätigen.

Über mich wird geredet, also bin ich.

Und dabei müssen sie hellwach sein, was gar nicht so einfach ist. Denn solche Reden haben wegen ihrer Inhaltslosigkeit etwas stark sedierendes. Man darf aber nicht einschlafen, schon gar nicht dabei schnarchen. Man könnte ja auch verpassen, wenn sich in der Reihenfolge doch ein Fehler eingeschlichen hat. Weil unbemerkt vom Verfasser der Rede irgendeine hochrangige Persönlichkeit noch hochrangiger ist, weil sie befördert wurde. Oder, wenn jemand begrüßt wurde, der die Veranstaltung geschwänzt hat.
Oder schon in Rente ist, was auch vorkommt.

Damit man auf dem anschließenden Stehempfang, bei dem es Canapees und Alkohol gibt, die Leute wenigstens etwas zu reden haben.
Denn zu sagen haben sie etwas, aber manchmal fehlt der Gesprächsstoff.

Und da kommt so ein kleiner Fehler im Protokoll gerade recht. Denn jeder liebt das Protokoll, aber keiner gibt es zu. Denn was wäre man ohne steife Feierlichkeit?
Nur ein ganz normaler Mensch.

Und das darf es in der Welt der Bürokratie natürlich nicht geben. 
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