Vordenken
16 Juni 2009 Man sollte, wenn man ernst genommen werden will, mit gutem Beispiel vorangehen. Wein zu predigen und Wasser zu leben, regt nicht zur Nachahmung an. Auch kann man nicht erwarten, daß sich die eigenen Gedanken, die man selbst in Zweifel zieht, über die ganze Menschheit verbreiten.
Vordenker sollten auch nachdenken, bevor sie anderen etwas vorsagen.
Ansonsten machen sie anderen nur etwas vor.
Was keiner nachmacht, der halbwegs nachdenkt. Denn Vormacher haben selten die Vormacht, sondern meist das Nachsehen, wenn die anderen gründlicher nachsehen, was sie wirklich auf dem Kasten haben. Und es gibt wenige, die es einem nachsehen, wenn man nicht vorsichtig genug ist mit seinen Lügen. Vorzuziehen ist es daher, vorher ausreichend zu durchdenken, was man als Nachdenken präsentieren will.
Um als Vordenker dastehen zu können.
Und so gehört so mancher einer Gemeinschaft an, die sich einen Vordenker leistet. Wohl, um nicht selbst Denkarbeit zu leisten. Parteien folgen zuweilen blindlings einem Chefideologen, der ganze Gedankengebäude auf die Linie der Genossen aufbaut. Wobei diese zuweilen paradoxerweise dem Zweck dienen, die Wähler vor allzu viel Nachdenken zu bewahren.
Alles eine Frage der Verpackung.
Oftmals ersetzt die elegante Rhetorik die Achillesferse einer brüchigen Ideologie.
Der kluge Mann denkt vor, der faule läßt nachdenken. Und umhüllt von geschickter Wortwahl klingt jeder halbwegs kluge (also zur Hälfte auch dumme Gedanke) durchaus nachvollziehbar.
Man darf ihn nur nicht allzu gut überdenken.
Vorsicht ist zur Nachahmung empfohlen.
Aber passen fremdvorgedachte Gedanken überhaupt für einen selbst? Sollte man seine Gedanken nicht maßgeschneidert für sich selbst erstellen? Kennt man sich nicht selbst am besten? Je weniger man von sich preisgibt, desto weniger Fakten können von einem selbst in anderen Gedankengebäuden vorkommen. Und kaum jemand läßt alles an die Oberfläche kommen, viel bleibt verborgen.
Somit trägt man mit einem fremden Denkkonzept stets einen nicht allzu gut passenden Mantel.
Der einem nur bestimmte Bewegungen erlaubt, will man man diesen Umstand verbergen.
Und man verwandelt sich in jemanden, der man eigentlich nicht ist. Statt nachzudenken und alle Vordenker Vordenker sein zu lassen. Sich einzelne Gedanken zu eigen machen, aber niemals ganze Konzepte, mag das auch bequemer sein. Und mag das auch der Gemeinschaft dienen, wenn es vermeintlich keine Quertreiber gibt.
Keiner schert aus der Reihe aus, sagen die Lemminge.
Die einzig gesellschaftlich anerkannte Denkerrolle, mit der man sich nicht außerhalb der Gemeinschaft stellt, ist die des Vordenkers.
Aber da muß man erst einmal hinkommen.
Bis dahin muß man viel nachdenken, was andere Vordenker vordenken. Bis man selbst an der Reihe ist.
Wenn man dann die eigenen Gedanken noch kennt.
Und nicht verlernt hat.