Kindern etwas beizubringen oder sie auch nur zu ermahnen, geschieht meist heute noch mit Leerformeln. Wenn sie alt genug sind, auf bloße Befehle nicht mehr ohne jede Begründung zu reagieren, wird zur Bekräftigung gerne eine Floskel eingebaut. "Das macht man nicht", eine Phrase, die nichts besagt, weshalb sie sich im Repertoire auch so manchen Hausmeisters wiederfindet. "Das geht doch nicht" ist ähnlich frei von Gründen, warum man etwas nicht macht. Dann natürlich "das geht gar nicht", ein Baustein, der es sogar in die Begriffswelt des modernen Proleten geschafft hat und oftmals zu Bekleidungsfragen als Kriterium angewandt wird; gerne auch in modernem Denglisch als "No go" bezeichnet, was weder bedeutungsschwangerer, noch tiefer in der Argumentation ist.
Und dann natürlich der Klassiker: "Wenn das jeder täte".

Das hat wenigstens so etwas wie einen kleinen Ausblick, der fast so etwas wie ein Argument enthält.

Denn die Vision, daß jeder Mensch der Erde sein Bonbonpapier einfach wegwürfe, häuft beängstigende Wälle von Müll vor dem geistigen Auge des Kindes auf. Daraus folgt, daß auch der Einzelne das nicht machen darf. Wobei genau darin die Krux dieser Begründung liegt: Aus der Tatsache, daß, wenn alle etwas täten, dies Auswüchse in nicht hinnehmbarer Art und Weise hätte, zu folgern, daß das der einzelne nicht tun darf, ist fatal. Denn es kann auch nicht verboten sein, beispielsweise eine bestimmte, öffentliche Straße entlang zu gehen. 
Immerhin sind öffentliche Straßen genau dazu da. 

Aber stellen Sie sich einmal vor, alle Menschen der Welt täten genau das.

Das würde dazu führen, daß die Menschen sich gegenseitig zerquetschen würden. Auch würde die Straße über Gebühr benutzt werden und könnte angesichts derart intensiven Gebrauchs durchaus Schaden nehmen. Es ist also durchaus zu vermeiden, daß alle Menschen dies tun würden, was, wenn man näher nachdenkt, auch für fast alle anderen Tätigkeiten gilt: So für das Wohnen in einer Wohnung, das Fahren mit einem Auto, das Empfangen von Sozialhilfe.
Aus der Tatsache, daß, wenn es jeder täte, Wohnung, Auto und auch Sozialhilfesystem zusammenbrächen, kann man noch nicht auf das Verbotensein schließen.

Die meisten Tätigkeiten beruhen gerade darauf, daß sie nur vereinzelt durchgeführt werden.

Nun mag man argumentieren, daß es ja nicht gleichzeitig passieren muß. Bei zeitlicher Abfolge aber bliebe ausreichend Zeit, das Bonbonpapier aus der Ausgangssituation wegzuräumen, bevor der nächste Mensch seines wegwirft. Diese Argumentation beruht gerade auf der Gleichzeitigkeit, ansonsten würde kein abschreckender Müllberg entstehen. Denn das einzelne Bonbonpapier in der Landschaft sieht zwar nicht schön aus, aber fällt kaum auf. 
Auch eine örtliche Entzerrung hilft nicht weiter: Wenn alle Menschen ihren Dreck an verschiedenen Orten hinterlassen, entsteht auch kein Müllberg, angesichts der Größe der Welt. Die Welt ist zwar dann auch verdreckt (und, schaut man sich genauer um, das ist auch tatsächlich der Fall), aber zur Einwirkung auf das Verhalten des Kindes ist dies nicht geeignet. Faktisch ist das sogar kontraproduktiv, weil das Kind oftmals beobachten muß, daß viele Unmenschen nicht sehr gemeinschaftsfreundlich mit ihrem Müll umgehen.
Die Argumentation muß dahin gehen, dem Kind aufzuzeigen, daß auch das Wegwerfen eines Bonbonpapiers (oder gerade, wen die Umhüllung aus Plastik ist) ungut ist. Und dafür müssen Argumente her, die auf das Bewußtsein des Einzelnen ziehlt, nicht die das Verhalten der Masse. Denn Müll nicht wegzuwerfen, obwohl es andere tun, das sollte die Zielrichtung der Erziehung sein. Es ist auf die Folgen für die Umwelt, auch die Rücksicht auf die Schönheit der Umgebung und auf andere Menschen hinzuweisen.
Daß diese Leerformel auch nicht allenthalben fruchtet, sieht man an dem Unrat, der überall herumliegt.
 
Erziehung, ohne auf das Individuum einzugehen, ist nicht erfolgreich, weil das Kind kein kollektives Bewußtsein hat (wie es im übrigen auch die meisten Erwachsenen nicht aufweisen). Ein Kind mit bloßen Plattitüden zur Vernunft zu bringen, bringt wenig.

Oder, um es auch solchen verständlich zu machen, die an derlei leere Argumente gewohnt sind: Das geht gar nicht.
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