Mitverschulden
12 Juni 2009 Dieses sperrige Wort verwendet der Jurist gerne, wenn er davon spricht, daß die Wahrheit oftmals irgendwo in der Mitte liegt. Und der Laie verwendet das Wort, wenn er das Gefühl hat, an etwas alleine Schuld zu sein, dies aber vor sich und anderen nicht ohne weiteres zugeben mag.
Wo einen die Gegenpartei doch jedenfalls nicht daran gehindert hat, sich schädigen zu lassen.
Denn wenn der andere aufgepaßt hätte, wäre doch nichts passiert.
Allerdings ist Schuld einzugestehen schon schwierig. Und Mitverschulden einzusehen, ist noch viel schwerer, denn ein Schuldiger sollte doch ausreichen. Warum muß die Schuld auf vier Schultern liegen, es genügen doch zwei. Es genügt doch, wenn der andere sein Fehlverhalten einsieht.
Und zahlt.
Dann muß man seine eigene Versicherung nicht belasten und wird seinerseits nicht durch eine Höherstufung belastet.
Mitverschulden ist aber nicht nur auf materielle Schäden beschränkt. Bis zwei Streithähne einsehen, daß zum Streiten immer zwei gehören (wie der Volksmund stets wacker behauptet), vergeht geraume Zeit. Wenn man überhaupt zur beiderseitigen Einsicht gelangt und nicht nur der Grund für den Streit über die Jahre in Vergessenheit gerät. Wobei man immer unschuldiger wird, je länger man darüber nachdenkt. War man am Anfang schon ohne Schuld, so reift man in der Einnerung zu so etwas wie einem Pfadfinder heran, der kein Wässerchen trüben kann und höchstens einmal älteren Damen auf die andere Straßenseite hilft. Und der Verschuldenanteil des anderen wird immer größer, wenn nicht schon überhaupt die alleinige Schuld bei diesem uneinsichtigen Ignoranten lag, der nicht einmal mit so jemand Umgänglichen wie einem selbst auskommt.
Kein Wunder, daß es da Zoff gibt.
Wo der andere doch gewissermaßen der Fluch der Menschheit ist.
Ja, Einsicht in eigenen Anteil an vermeidbarem Streit ist selten. Umso größer die Freude, wenn andere als man selbst den ersten Schritt machen, um ein Kriegsbeil formlos zu vergraben (hier spricht man oftmals fälschlicherweise von "begraben", als wenn das Kriegsbeil tot wäre; was es aber nicht ist, denn es wird über kurz oder lang schon wieder zum Einsatz kommen). Da springt der andere über seinen Schatten und schon bald ist alles vergeben und vergessen (das kommt allerdings auf den Grad der Auseinandersetzung an). Wobei man sich hinterher oft fragt: Warum habe ich eigentlich nicht die Chuzpe gehabt, diese lächerliche Meinungsverschiedenheit von mir aus aus der Welt zu schaffen?
Der erntet dafür noch den Mahatma-Ghandi-Alltagspreis und das ohne jede Mühe.
Wobei es durchaus eine Leistung ist, mal alle fünfe gerade sein zu lassen (oder höchstens zu krümmen, wenn man sich die Hände schüttelt).
Also: Warum ist man selbst eigentlich nicht selbst auf den anderen zugegangen, bevor dieser den kleinen Ruhm der Friedfertigkeit ernten konnte? Das hat der sicher mit Absicht gemacht, daß jetzt alle Welt denkt: Schuld am Streit war nur man selbst.
Ha, beim nächsten Mal, da bin ich aber derjenige, der sich entschuldigt.
Oder spätestens beim übernächsten Mal.