Türkei
20 Mai 2009 Ein schönes Urlaubsland, der Döner ist auch beliebt, aber noch beliebter sind die Vorurteile gegenüber Türken. Sie haben jede Menge antiquierter Züge in sich und die machen sie angeblich gefährlich. Türken handeln ständig wie auf einem Basar und handeln auch so. Wer mit Türken Fußball spielt, muß sich auf unfaires Spiel und ein hohes Maß an Aggressionen einstellen. Wer sich mit einem Türken einläßt, muß sich darauf einstellen, wie Dreck behandelt zu werden, weil Türken auf jeden herabschauen, der sich vor der Ehe jemandem hingibt. Türken achten weder auf Reinlichkeit ihrer Umgebung, noch bei sich selbst und ziehen stets die ganze Familie hinter sich her.
Ja, über Mangel an schlechten Eigenschaften kann man sich als gewöhnlicher Vervorurteiler nicht beschweren.
Die Liste mit den Klischees über den häßlichen Deutschen ist im übrigen nicht weniger lang, trifft aber niemals auf einen selbst zu.
Jetzt mag man, wenn man heftig genug darauf lauert, auch den einen oder anderen Wesenszug beim türkischen Mitmenschen wiederfinden und damit seine Ansicht bestätigen. Vermutlich wird man den Menschen ihre Vorurteile auch nicht austreiben können, denn gegen Dummheit ist ebensowenig ein Kraut gewachsen wie gegen den menschlichen Wesenszug, stets das Schlechte im Andersartigen zu suchen.
Und bei Bedarf zu finden.
Um sich und seine Gruppe wie in der Steinzeit zu beschützen und näher zusammen zu rücken und vor allem sich mit den nicht immer völlig positiven Charakterzügen der eigenen Sippe ein wenig besser auszusöhnen.
Dennoch ist diese steinzeitliche Sichtweise nicht nur bei der Diskussion um den Türkeibeitritt zur Europäischen Union im Wege. Man befürchtet, alle Türken könnten um Nu ihr Heimatland verlassen und hier die sozialen Systeme lahmlegen.
Weil alle Türken es allein auf die deutsche Sozialhilfe abgesehen haben.
Dabei hatte die Gründung der EU einen ganz anderen Sinn als die Sicherung des allgemeinen Wohlstands: Die Friedenssicherung. Man hat allenthalben vergessen, daß vor weniger als drei Generationen die Franzosen noch als Erbfeind angesehen wurden, ebenso die Engländer nicht gerade in hohem Ansehen in Deutschland standen. Und das nicht nur im III. Reiche, wie man schon dem Anfang von Goethes Faust entnehmen kann. Aber heute ist dieses Denken völlig absurd, selbstverständlich sind Franzosen wie Engländer unsere Freunde, dieser Zustand erscheint uns so normal wie kaum etwas.
Und auch das ist ein Verdienst der EU, die sich zum Ziel gemacht hat, den Frieden in Europa zu sichern.
Die EU ist eine Erfolgsgeschichte, die auf die längsten Friedensperiode in Europa zurückblicken kann.
Der allgemeine Wohlstand ist nur gewissermaßen ein Abfallprodukt davon, denn ohne dauerhaften Frieden ist Wohlstand nicht denkbar, wie man aus jeder Krisenregion leicht ablesen kann. So sollte man auch die Möglichkeiten bedenken, die einen Beitritt der Türkei zur EU öffnet. Zum einen würden die Märkte gerade in den asiatischen Raum erschlossen und auch als Zeichen ein vorrangig islamisches Land ins gemeinsame Boot geholt. Zudem würde so mancher Argwohn der arabischen Staaten mit dieser Geste gegenüber Europa ausgeräumt, man könnte Vorbehalte gegen diese haben.
Und das gerade deswegen, weil die Türkei zu einem Großteil nicht auf der europäischen Kontinentalplatte liegt.
Wie im übrigen etwa Italien zu einem nicht unerheblichen Teil auf der afrikanischen Platte liegt.
Die Gegenargumente wie die Menschenrechtslage sind nicht wirklich von Bedeutung, immerhin stört man sich auch bei Ländern wie Italien nicht an mafiösen Strukturen quer durch alle Gesellschaftsschichten, nicht an der Armut Rumäniens und Portugals, nicht an der Stellung der Frau in Süditalien und - spanien, nicht an der niedrigen Kaufkraft so einiger Länder und auch nicht daran, daß fast alle Länder anders sind als Deutschland (was hier Vielfalt ist, ist angesichts der Türkei nicht hinzunehmender Unterschied).
Und, seien wir ehrlich: Die Menschenrechte interessiert die meisten Menschen wenig, es sind mehr die wirtschaftlichen Faktoren, die beunruhigen.
Aber das zu Unrecht, denn die Türkei ist nicht ohne Reiz gerade auch für die deutsche Wirtschaft.
Alle Vorurteile wird man nicht flächendeckend überwinden. Aber hoffentlich wird man bald einsehen, daß in einer globalisierten Welt die anstehenden Probleme nur gemeinsam gelöst werden können. Der Umweltschutz sollte ein solches Ziel sein, das man gemeinsam anpackt, und da kann das Boot gar nicht groß genug sein. Auch wird sich mit einem Beitritt in die EU der Wohlstand in der Türkei mehren und nicht nur dort lebende Türken in ihrem Heimatland halten (wer verläßt schon gerne und freiwillig seine Heimat?), sondern sogar ein paar Wirtschaftsflüchtlinge zu einer Rückkehr bewegen.
Letztlich ist es ein Akt der Humanität, die Türkei in die EU aufzunehmen.
Und Vorurteile sollten in einer vernünftigen Debatte nicht den Grund dafür liefern, sich um ein möglichst großes und starkes Europa zu begeben, das gegen Amerika und Asien wirtschaftlich und vor allem finanziell bestehen kann.
Ich kann nur hoffen daß künftige Generationen über diese überflüssige Diskussion lachen werden.
Und nicht über die verpaßte Chance eines EU-Beitrittes der Türkei weinen müssen.