Aus meiner langjährigen Erfahrung mit Jugendlichen weiß ich: Grimms Märchen sind schon lange kein Allgemeingut mehr. Mein zeitweiliger Lieblingsspruch gegenüber meinen Kunden: "Ich bin schon da, wie beim 'Hasen und dem Igel'" stieß nur auf wenig Verständnis. Bis mir eine Dame aus meinem Vorzimmer eines Tages erläuterte, daß Jugendliche wenig wissen, vor allem über Geschichten, die ihnen anscheinend kein Mensch mehr erzählt.
Wie unserer Generation noch Gute-Nacht-Geschichten von analogen Müttern, nicht von digitalen Medien erzählt wurden.

Deshalb hier die Kurzfassung des Märchens von der Prinzessin auf der Erbse: Ein Königssohn wollte feststellen, ob eine Kandidatin für den freien Platz an seiner Seite wirklich aus königlichem Hause stammte und ließ sie im Palast übernachten. Vorher aber hatte er zehn Matratzen übereinander gelegt und zuunterst eine einzige Hülsenfrucht, nämlich eben die titelgebende Erbse gelegt. Als die junge Dame am nächsten Tag völlig übernächtigt davon erzählte, daß sie am ganzen Körper grün und blau sei, wußte der kluge Prinz: Nur eine wahre Prinzession ist so empfindlich, daß sie eine einzige Erbse durch zehn Matratzen hindurch fühlt.
Und nahm sie zur Frau.

Schön blöd.

Denn wer so empfindsam ist, daß er nicht einmal das erträgt, wie schwierig mag der Umgang mit solch einem Menschen im Alltag sein? Wie lange dauert es, alle noch so kleinen Mikrofalten aus der Kleidung zu glätten, damit man sich nicht wundscheuert; dauert das Warten auf die Endfassung der Abendgarderobe nicht schon lange genug? Neigen Damen nicht ohnehin dazu, sich etwa an der Ferse aufzureiben, wenn die Schuhe zwar zu allem möglichen taugen, aber nicht dazu, damit auch nur ein paar Schritte zu gehen? Wie kompliziert ist eine Einladung bei Königs nebenan, wenn die Sitzmöbel nicht absolut glatt sind, möglicherweise noch aus natürlichen Materialien gepolstert sind und man so riskiert, sich buchstäblich den Allerwertesten aufzureißen (wo man sich doch nur diplomatisch denselben aufreißen wollte)? 
Ist der Umgang mit dem zartbesaiteten und dünnhäutigen Geschlecht nicht schon mit ausreichend Problemen gespickt, muß man sich noch eine Zicke aussuchen, die der Rauhheit des Lebens keinesfalls gewachsen sein dürfte?

Pflegeleicht sieht anders aus. Wie wohl der Waschzettel der Königstochter aussieht, vor allem: Wie lang er wohl sein mag?

Was also will uns dieses Märchen aus alter Zeit sagen? Seid froh, daß Ihr kein königliches Blut in Euren Adern wißt und damit Euer Leben nicht an der Seite einer weiblichen Spaßbremse zubringen müßt? Oder, daß gewöhnliche Erbsen in Königshäusern schwer zu kauen sein dürften, weil sie nicht einmal durch zehn schwere Matratzen samt einer federleichten Prinzession platt zu kriegen sind? Daß Königskinder es auch nicht leicht haben, auch, wenn es im Fernsehen immer so leicht ausschaut, König zu sein? 
Augen auf bei der Brautschau?

Die letztere Moral ist jedenfalls nicht unbedingt zu verachten.

Nebenbei, wer sich jetzt denkt: Es gibt gar keine Gewalt gegen Frauen, denn als neulich die arme Nachbarin überall Hämatome hatte, hat mir der nette Nachbar doch als Beweis seiner Unschuld eine königliche Erbse gezeigt, dem sei gesagt: Es ist nur ein Märchen. Aus alter Zeit. Als Prinzessinnen noch zart waren und man nicht dachte, daß sie zuweilen brutal vom Thron gestoßen werden. Die Gebrüder Grimm dachten noch politisch nicht korrekt.
Und es gibt deutlich bessere Tests, ob die Angebetete die Richtige für das ganze Leben ist.

Etwa der Alltagstest. Wenn man es schafft, aus Fragen der Hygiene, der Zahnpastatube, der Fernbedienung und des gegenseitigen Freiraumes ein harmonisches Ganzes zu weben, dann sollte man es probieren. 
Natürlich kann es trotzdem schiefgehen. 

Aber man kommt dann wenigstens ohne blaues Auge davon, das selten von einer Erbse herrührt. 
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