Geburtstag
12 Mai 2009 Mindestens einmal im Leben hat jeder Mensch Geburtstag und muß dies jedes Jahr wieder feiern. Wer schwere Unfälle überlebt hat, feiert sogar zwei Geburtstage. An der Art, wie man den Tag feiert, als man das Licht der Welt erblickte, kann man viel ablesen. So, ob man das Leben liebt. Auch das Alter erkennt man an der Art, wie man den Ehrentag begeht: Junge Menschen fiebern dem Tag noch entgegen, wo viele Geschenke warten und sie endlich wieder ein Jahr älter werden. Je älter man aber wird - ohne daß ein bestimmter Zeitpunkt hierfür festzustellen wäre - desto unliebsamer ist das Jublläum der Geburt, so mancher ältere Zeitgenosse möchte so gar manchen Geburtstag überspringen.
Während man sich als Kind oft älter wünscht, verbringt man den Rest seines Lebens damit, sich zumindest jünger zu fühlen, als es das Geburtsdatum behauptet.
Man wird nur noch reifer, nicht mehr älter. Nur, wer sich älter macht, ist noch jung.
Dennoch will einem alle Welt gratulieren, wenn sich der Tag der Tage wieder einmal jährt. Man wünscht sich Glück (was man eigentlich auch an den anderen Tagen des Jahres durchaus brauchen könnte) und Gesundheit (sofern man es mit Menschen zu tun hat, denen es bereits darauf als vorrangigem Wunsch ankommt), wahlweise noch alles Gute. Der Glückwunsch hat ab einem gewissen Alter den Charakter festzustellen, daß man nun wirklich bejahrt genug ist, um Glück wirklich nötig zu haben angesichts des Alters.
Kann ja jetzt nicht mehr lange dauern.
Wer aber gefragt wird, wie alt er denn ist, der antwortet oft damit, wie alt er wird.
Als wenn das sicher ist, daß man jedenfalls dieses Lebensjahr noch voll machen würde. Wer kennt schon die Stunde, in dem sich herausstellt, wie alt man letztlich im Leben wird. So ist jede Geburtstagstorte auch ein Zeichen des Triumphes über die Widrigkeiten des Lebens: Was wollt Ihr denn, bis hierhin ging es doch gut.
Man muß ja nicht mehr unbedingt Kerzen zählen auf dem Geburtstagskuchen.
Ich habe Krankheiten überwunden und Liebeskummer, habe alle Klippen und Untiefen des Daseins umschifft, sogar Katastrophen überlebt, habe mich ausbilden lassen und bin auch bei der Partnersuche überraschend erfolgreich geworden, was soll mir noch passieren? Ich habe dauerhaft Fuß gefasst, ein paar bescheidene Werte angesammelt, Freunde und ein Steckenpferd, nicht zu vergessen einen Beruf, der mich ernährt. All dies haben die meisten in mehr oder weniger ausgeprägter Art und Weise gemeistert, also, was hat es an solch einem Tag mit speziell mir auf sich?
Ich bin noch da und kann auch einmal Bilanz ziehen.
Was habe ich erreicht, was ist geglückt?
Was will ich noch erreichen, was habe ich noch vor?
Auch hier hält sich die Waage, worauf man mehr baut, auf die Vergangenheit oder die Zukunft; stillschweigend verlagern sich die Hoffnungen im Laufe des Lebens von dem Bevorstehenden auf das Gewesene. Will man in jungen Jahren noch die Welt aus den Angeln heben, hofft man im Laufe der Zeit zunehmend, man könnte zum ruhigen Lauf der Welt beigetragen zu haben.
Wie dem auch sei: Wie jeden Tag vom Rest des Lebens sollte man auch seinen Geburtstag genießen, solange man noch kann.
Denn, was man hat, das hat man.
Ein Jubiläum zu seinem Todestag feiert man nicht mehr selbst.