Luxusproblem
08 Mai 2009 Sich etwas zu gönnen, was man nicht unbedingt braucht, ist nach bestrittener Ansicht bereits Luxus. Nach dieser Definition ist allerdings nahezu alles, was nicht dem unmittelbaren Stillen von Hunger und Durst und Schutz gegen Kälte dient, schon Luxus (und vielleicht der Fortpflanzung).
Andere meinen, Luxus wäre etwas, was man sich, anders als andere, leistet. Demnach ist aber nicht mal ein Auto, ein Fernseher oder ein Handy Luxus; denn das hat in Deutschland nahezu jeder (wenn man mal nicht nach Modellen und Marken differenziert).
Aus Sicht Lateinamerikas sieht das wiederum ganz anders aus.
Aber sollte man Luxus weltweit oder nur regional überprüfen?
Wenn man bedenkt, daß in vielen Gegenden der Welt der Zugang zu Wasser bereits Luxus ist, wobei die Geschäftemacherei durch Verkauf von Wasserrechte an Großkonzerne hier ein zusätzliches Problem gebracht hat, ist viel, was hierzulande selbstverständlich ist, andernorts schon Luxus. Wenn man in unserem Lande zunehmende Armut beklagt, könnte man auch darauf verweisen, daß so mancher rund um den Globus vom Lebensstandard unserer sozial Bedürftigen träumt (was aber kein Argument sein darf, die Sozialhilfe zu kürzen).
Auf der anderen Seite erscheint viel, was unbestritten als Luxus anzusehen ist, vielen als Teil eines durchschnittlichen Daseins, so Fernreisen jedes Jahr und regelmäßige Besuche bei der gehobenen Gastronomie. Auch Champagner zu trinken und Kaviar zu essen, erzeugt in Deutschland schon längst kein Aufsehen mehr, das kann sich jeder Normalbürger leisten.
Luxus ist wohl auch abhängig vom Zeitgeist und der Zeitgeschichte.
Und auch Bildung erscheint nicht mehr als Luxus, seitdem auch Menschen aus sogenannten bildungsferneren Schichten durchaus der Zugang auch zu Universitäten offen steht. Bücher sind überall zugänglich, zur Not kann man sich auch Informationen aller Art aus dem Netz holen. Auch eine gute Ausbildung ist allen frei zugänglich, auch, wenn nicht alle davon allumfassenden Gebrauch machen.
Armut ist hierzulande meist eine Armut des Geistes.
Wirklich verhungern muß keiner angesichts einer ausufernden Sozialgesetzgebung.
Luxus ist hierzulande gleichzeitig mit einem gewissen Stolz besetzt, sich etwas leisten zu können und auch mit einer gewissen Scham, sich mehr zu leisten als andere. Statussymbole bestimmen vielerorts den Rhythmus des Lebens, so die Autoklasse oder die Kleidung. Gleichzeitig gibt es auch im wirklich hochrangigen Luxussegment den Hang zu sogenanntem "Understatement", etwa den PS-Protz ohne Typenbezeichnung zu bestellen, um keine Neiddebatte vom Zaun zu brechen (und auch Vandalismus zu vermeiden).
Ich zeige, ohne etwas zu zeigen.
Aber wer Bescheid weiß, der weiß Bescheid.
So ist Luxus auch etwas subjektives. So mancher fühlt sich schon wie Krösus, wenn er nur mal eben nicht das allerbilligste Gericht auf der Karte bestellt. Andere würden niemals etwas bestellen, was sich jeder leisten kann. Und viele leisten sich etwas, was sie sich gar nicht leisten können. Ein Heer von überschuldeten Haushalten spricht hier eine deutliche Sprache.
Da sind die Augen deutlich größer als die Geldbörse.
Dennoch: Bescheiden will sich kaum jemand.
Denn ohne Bescheidenheit kommt man angeblich weiter, hat mal jemand ein wenig holprig in einen Reim gezwängt. Wobei angeblich gleichzeitig Geiz auch nicht zu verachten ist, so die Werbung als Angriff auf die Augen, die Größe der Geldbörse zu überschätzen.
Wenn ich mir was gönnen will, dann muß ich das auch.
Merkwürdigerweise führt allerdings der Hang zum Luxus auch zu allgemeinem Wohlstand.
Vielleicht kann man es auf folgende Formel bringen: Luxus, der nicht einem selbst dient, sondern nur dem eigenen Status, ist fragwürdig und führt allen zu einer Spirale der Hochrüstung mit Wirtschaftsgütern. Luxus, mit dem man sich aber selbst, ohne auf die Reaktion anderer zu achten, gönnt, ist eine verzeihliche Sünde.
Und sei jedem zugestanden.