Abstand
09 Mai 2009 Wer allzu intensiv an etwas arbeitet, wird sich vor allem um die Details kümmern. Er wird immer neue Aspekte entdecken, je tiefer er in die Materie eindringt. Allerdings wird er zunehmend Schwierigkeiten haben, das Ganze zu überblicken. Wie ein Maler, der mit einem winzigen Pinsel eine riesige Leinwand bearbeitet, sind Einzelheiten zwar wichtig.
Von Zeit zu Zeit sollte man aber einmal ein paar Schritte zurückgehen und sich das Bild in seiner Gesamtheit anschauen.
Um den Überblick nicht zu verlieren.
Sicher ist es wichtig, am Ball zu bleiben und sich nicht ständig ablenken zu lassen. Wer zu viel schaut und zu wenig malt, wird niemals fertig. Aber Abstand zu nehmen von seinem Werk, ist ebenfalls angezeigt und nicht zu unterschätzen. Oft sind uns Dinge schlicht zu nahe, um zu einer Lösung zu kommen. Man verliert sich in allerlei Aspekten, ohne sich einmal das große Ganze zu betrachten.
Und das ist beileibe kein rein männliches Problem.
Das passiert auch Frauen, von denen man sagt, sie hätten eher einen Blick über die Gesamtheit denn die Einzelheiten.
Wer hat nicht schon einmal nächtelang über etwas gegrübelt, bis jemand von außerhalb der Sache einen Blick gönnte und sofort die Antwort parat hatte. Das liegt daran, daß man selbst, wenn man zu tief in die Sache involviert ist, buchstäblich den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht (gerade auf diesen Fall ist dieses Sprichwort gemünzt).
Diesen Tunnelblick hat der Außenstehende nicht.
Daher ist es wichtig, sich etwa als Arzt einen gewissen Abstand von seinen Patienten zu bewahren. Auch Rechtsanwälte sollten sich nicht die Sichtweise ihres Mandanten zu eigen machen (von einer Verteidigung in eigener Sache ist sogar dringend abzuraten). Ansonsten übersieht man möglicherweise Entscheidendes, weil man den Blick für das Wesentliche nicht mehr hat. Patienten wie Mandanten sollten das als Ausdruck von Professionalität verstehen, nicht als Verrat am Kunden.
Denn wer selbst alles besser weiß, der braucht weder Arzt noch Anwalt.
Es ist doch eben diese Fachkenntnis und dieser andere Blick auf die Dinge, deren Fähigkeit man sich bedienen will.
Und auch der Rat, vor Entscheidungen einfach mal eine Nacht darüber zu schlafen, ist insoweit nicht verkehrt. Gerade elementare Entscheidungen zu sehr aus einer Innenansicht zu treffen, ist nicht ratsam. Der Blick für das Detail ist wichtig, aber zuweilen auch irreführend. Etwa bei Entscheidungen, deren Ergebnis absurd anmutete, sollte der Blick weg von den Einzelheiten auf die Gesamtheit gelenkt werden. Das ist wie bei einem Autofahrer, der seinem Navigationsgerät so sehr folgt, daß er in einen Fluß fährt, weil das Gerät es ihm nahelegt (das ist tatsächlich schon passiert). Statt den Blick schlicht auf die Straße zu richten und das Gewässer analog zu sehen, klebt der Blick am Monitor und vertraut blind auf dessen digitale Richtigkeit.
So ist das Vertrauen auf einen Faktor allein trügerisch.
Details können zudem Anlaß zu falscher Interpretation sein. Wer aber die Details in den Gesamtzusammenhang einbindet, der läßt nicht zu, daß Kleinigkeiten über die Gesamtheit entscheiden. Sondern der Blick aus einem gewissen Abstand, der das Verständnis für alles schärft.
Psychologen raten, sich vor Entscheidungen vor einer gewissen Tragweite in die Person eines Dritten zu versetzen, der die Sache von außen sieht. So kann man bisweilen groben Fehlentscheidungen vorbeugen.
Vor allem in der Hitze des Gefechtes.
Intuition ist gut. Kontrolle ist besser.