Ausreden
06 Mai 2009 Es gehört zum guten Ton, andere ausreden zu lassen. Wer es nicht wagen kann, andere das sagen zu lassen, was sie zu sagen haben, dessen Position scheint nicht allzu gut durchdacht zu sein. Natürlich muß man sich nicht jedes Geschwafel anhören. Vor allem Ausreden, die der Gesprächspartner vor allem für sich formuliert, muß man nicht unbedingt abwarten.
Wobei Ausreden das Leben leichter machen.
Ohne Ausreden kommt man kaum durch seinen Tag.
Zwar mag man für sich selbst Wahrheiten nicht derart deutlich herausarbeiten, daß die entsprechende Ausrede ebenso wohl durchdacht sein muß. Aber vor anderen sollte man durchaus im Bedarfsfall eine gute Entschuldigung für sein Tun oder Nicht-Tun parat haben. Könner schütteln passable Ausreden für jede Gelegenheit aus dem Ärmel. Hierbei muß die Ausrede der Situation angepaßt sein und auch dem Intellekt des Gegenübers. Bei Vierjährigen mag die Kunst des Ausredens noch vergleichsweise einfach sein. Aber gegenüber dem eigenen Partner etwa muß man schon handfestere Geschütze aufziehen, wenn man aus einer heiklen Sitaution wieder herauskommen will. Denn der kennt einen samt seine Ausreden meist recht gut.
Und nicht jede gute Ausrede funktioniert immer wieder.
Leider nutzen sich Ausflüchte schnell ab.
So ist eine Autopanne auf dem Weg zur Arbeit verzeihlich, aber an mehreren, hintereinander folgenden Tagen zunehmend weniger erfolgversprechend. Auch die Erklärung, daß man nur kurz vergessen hat, den Weihnachtsbaum wegzuräumen, ist spätestens an Ostern verbraucht.
Da müssen neue Erklärungen her oder der Baum weg.
Angesichts der Zeit und Mühe, die man für die Herstellung guter Ausreden aufwendet, hätte man so manche Aufgabe längst mit weniger Aufwand gelöst.
Wieviel Energie wird dadurch wortreich verschwendet, unangenehmen Aufgaben aus dem Weg zu gehen, wobei weder die Aufgabe mit der Zeit angenehmer wird, noch der Ärger, den man sich durch den künstlichen Aufschub einhandelt, kleiner wird.
Im Gegenteil.
Zur Aufgabe kommt noch ein Donnerwetter dazu, wenn man nicht nur die Schokoladen-Eier verstecken muß, sondern auch noch diese nadellose Tanne schreddern muß und im Rücken die bohrenden Blicke der Göttergattin fühlt. Oder wenn sich der Fehler, den man zu vertuschen versuchte, nichts gegen den Verlust des Vertrauensverhältnisses ist, weil man aus im Grunde nichtigen Anlasses seinen Chef faustdick angelogen hat.
Und aufgeflogen ist.
Aus Bequemlichkeit, wobei Bequemlichkeit eigentlich anders aussieht.
Nicht besser macht es die Tatsache, wie wir schon unseren Kindern kleine Notlügen beibringen, uns am Telefon verleugnen lassen, unliebsame Einladungen mit nicht existenten Terminen abschmettern und dem Finanzamt nicht alles erzählen, was es eigentlich gerne wissen möchte. Wobei man an letzterem Beispiel sieht, daß der Schritt zwischen kleinem Schummeln und krimineller Tat oft nicht groß ist.
Du sollst nicht lügen, fordert die Bibel.
Und wir fordern das von unseren Kindern.
Aber das ist im Alltag der meisten Menschen eher eine allgemeine Empfehlung, die kaum den Stellenwert eines Vorschlages hat, den man nicht immer einhalten kann.
Aber immer und überall die schonungslose Wahrheit sagen? Würde uns das nicht zum einsamsten Menschen auf diesem Planeten machen?
Wer weiß, das hat jedenfalls noch keiner ausprobiert.
Wer das Gegenteil behauptet, der lügt.
Den lasse ich ausreden, aber nicht in meiner Gegenwart.