Lampenfieber
22 Apr. 2009 Lampen haben eigentlich kein Fieber, aber Lampen können ganz schön heiß werden (insbesondere kann es unter Lampen ganz schön heiß werden), vor allem, wenn man auf die Bühne muß und ohnehin heiß darauf ist, sich zu präsentieren. Dann steht einem schnell mal der kalte Schweiß auf der Stirn.
Allerdings hat man Lampenfieber gewöhnlich vor dem Auftritt.
Wenn man noch in seiner kühlen Garderobe hockt.
Gleich wird man im Rampenlicht stehen, gleich wird es darauf ankommen, wie gut man ist. Wird man angenommen werden vom Publikum? Wird der Funke überspringen? Oder werden einen die Zuschauer im Regen stehen lassen, während man schweißnaß von einer Peinlichkeit zur nächsten taumelt?
Man weiß es nicht.
Und genau davor hat man Angst.
Auch, wenn es um nichts geht, wenn die Bühne winzigklein ist und das Publikum sich vor allem aus sehr guten Freunden und nahen Verwandten rekrutiert, die ohnehin alles beklatschen, was man macht, sei es auch noch so miserabel. Da können die Instrumente verstimmt sein, deine Kehle klingen wie ein Rabe, sie werden dich es nicht merken lassen.
Woher also diese Angst?
Man will doch auf die Bretter, die die große Welt bedeuten. Man will sich doch zeigen, auch sein Können zum Besten geben und sich auch darstellen. Man will doch etwas vorführen, im Mittelpunkt stehen.
Einmal fast so etwas wie ein Star sein.
Alle Augen schauen auf dich, oh Dame oder Herr.
Die Fähigkeit, jederzeit aufstehen zu können und über jedes gewünschte Thema etwas sagen zu können (nicht notwendigerweise inhaltlich unbedingt hochtrabend), ist bewunderswert. Die Leute, denen auch im Fahrstuhl ein lockerer Spruch einfällt, der die steife Situation auflockert, denen auch ein Gespräch von den Lippen geht, wenn sie jemanden treffen, den sie kaum kennen, famos. Die immer auf eine eingebildete Bühne springen können und dort ein wenig den Showmaster geben, die keine Hemmungen haben, auch noch das kleinste Publikum (notfalls bestehend aus einem einzigen Gast) mit ein paar Showeinlagen zu beglücken.
Schütteln die ihren Auftritt einfach so aus dem Ärmel?
Ist es gerade die Unvorbereitetheit, die so locker macht?
Macht man sich zuviele Gedanken, was alles passieren könnte, der Mund trocken, die Achseln naß, der Hosenstall offen, der Mund zu? Das Licht fällt aus, der Ton macht schlapp, die Witze über den Tod treffen auf Trauernde, die lockeren Sprüche über noch lockerne Ehen treffen auf humorlose Festgäste, die allesamt eher von Bibelsprüchen angelockt werden denn von Seitenhieben. Die Gitarre verstimmt sich, wenn nicht sogar Saiten reißen (möglicherweise zwei auf einmal), man findet den Ton nicht, mit dem das erste Lied anfängt. Man hat einen Frosch im Hals, gegen den auch viel Trinken nicht hilft, die Knie werden weich, dafür ist den Leuten deine Musik zu hart. Keiner bewegt sich im Takt der Musik, manche drehen dir sogar den Rücken zu, andere gehen demonstrativ nach draußen, wo sie stundenlang in der Kälte verharren, nur, daß sie dich nicht aushalten müssen.
Alles, was schief geht, geht schief.
Der Schlagzeuger erzeugt Schläge, die eher Rückschläge sind, der Bassist vergißt dauernd, was er spielen sollte und der Mann am Keyboard hört sich selbst nicht, was aber alle anderen deutlich hören. Der Sänger (bist das du oder wer sang noch gleich dieses Stück?) zieht einem mit jedem Ton die Schuhe aus, das ganze Publikum würde dir gerne barfuß auf die Zehen steigen. Du verpatzt dein Solo, verziehst dein Gesicht, alle hoffen, du verziehst dich bald. Und zwischen den Nummern herrscht eine unglaubliche Stille im Saal, unterbrochen nur von Scheinwerfern, die effektvoll neben dir zu Boden fallen. Du mußt aufs Klo, deine Hände scheinen gar nicht mehr zu wissen, wie ein einfacher Akkord geht, dir wird schwindelig. Dein Herz beginnt zu rasen, du siehst nur noch Sterne.
All das wird passieren, wenn du gleich auf die Bühne gehst.
Du weißt es.
Dann kannst du es nicht länger hinauszögern und stolperst, geblendet von den Spots ins Scheinwerferlicht und schlagartig wird dein Kopf leer. Aus der Leere hörst du dich irgendetwas in ein Mikrophon sagen und alle lachen. Und eh du dich versiehst, bist du mitten im ersten Lied und erwischt dich, wie du gerade das Solo deines Lebens spielst. Und da rücken doch tatsächlich die Leute näher zum Bühnenrand und beginnen zu tanzen. Lied folgt auf Lied und du wirst getragen von einer Welle der Euphorie. Alles klingt perfekt, Drums und Bass harmonieren und der Mann an den Tasten übertrifft sich wieder mal selbst. Sogar diese schwierige Chorpassage wird mit Bravour gemeistert und am Ende lassen sie dich nicht von der Bühne, bevor du nicht auch noch das letzte Stück aus eurem Repertoire gespielt haben.
Dann klopfen dir alle auf die Schulter und loben, wie geil das heute wieder mal war.
Und davor hattest du solches Lampenfieber?
Ich? Lampenfieber? Nie. Wie könnte ich? Ich splele seit Jahrzehnten in Gruppen, stand auf tausend Bühnen vor buchstäblich tausenden Menschen (sogar auf einmal). Und da soll ich noch Lampenfieber haben? Wo ich doch die Routine in Person bin?
Kann ich mir nicht vorstellen.
Bis ich das nächste Mal kurz vor einem Auftritt in einer Garderobe sitze und denke: Jetzt sterbe ich gleich vor Aufregung.
Was auch passiert: Heute gehe ich nicht da raus.
Heute kann ich nicht.