Der Mensch ist nicht für das Alleinsein geschaffen, er ist ein soziales Wesen (auch, wenn er eine sie ist). So sucht man sich ein Umfeld, mit dem man seine Zeit verbringt. So manches Umfeld ist allerdings nicht selbst ausgesucht: Etwa der Kollegenkreis ist Glückssache und so mancher muß sich in das Unvermeidliche fügen und einen Großteil seiner Zeit mit Menschen verbringen, die ihm eigentlich nicht so recht liegen.
Wobei es auch nette Kollegenkreise gibt, die mehr als nur die gemeinsame Aufgabe im Beruf verbindet.

Wenn man daran denkt, wieviele Partnerschaften auf dem gemeinsamen Arbeitsplatz beruhen.

Wobei man den Kollegenkreis Kollegenkreis sein lassen, wenn einem danach ist und zu Hause sein eigenes Süppchen kochen kann. 
Dort allerdings hat man zuweilen ein Umfeld, das man sich auch nicht immer ausgesucht hat: Die Nachbarn.

Zwar kann man sich beim Einzug ein wenig schlau machen, wer da so in der Gegend wohnt. Aber genaue Erkundigungen wird man kaum einholen, zudem sind Lage der nächsten Schule (wenn man Kinder hat), des Bahnhofes (wenn man kein Auto hat) oder des nächsten Supermarktes (wenn man beabsichtigt, ab und zu etwas zu essen) wichtiger. Und man will keine ausgesprochenen Rabauken in seiner unmittelbaren Nähe haben. Wenn man nach Besichtigung einer Wohnung zu seinem Auto zurückkommt und alle vier Reifen gestohlen wurden, wird man sich vielleicht noch woanders umsehen. Das Gleiche gilt, wenn sich beim Aussteigen aus dem Wagen schon deutlich zeigt: Irgendwo in der Nähe züchtet jemand Schweine.
So manches stellt sich aber erst später heraus.

Ein Glück, wenn man nicht irgend so einen Idioten neben sich wohnen hat, dessen Hobby darin besteht, seine Nachbarn schlicht zu terrorisieren.

Das ist so selten nicht, wie man immer wieder zu hören und zu lesen bekommt. Wenn Nachbarn sogar vor Straftaten zu deinen Lasten nicht zurückschrecken, solltest du dir vielleicht doch wieder die Wohnungsanzeigen in den Zeitungen zu Gemüte führen. Wenn deine Nachbarin von der Prostitution lebt, lebst du vielleicht auch im falschen Viertel. Wenn du einen Sonderling neben dir wohnen hast, der exotische Spinnen und Schlangen im Wohnzimmer hat, dann könnte es sein, daß dein Schlaf weniger ruhig und erfrischend ist. Das gleiche gilt, wenn du eher unbegabte Nachbarn hast, die viele Geigen und Klaviere ihr eigen nennen und als einzige von ihrem Talent für die Musik überzeugt sind. Auch Hifi-Freaks mit einem Hang zu übergroßen Subwoofern sorgen für schlaflose Nächte, insbesondere, wenn sie am Tag nicht arbeiten müssen. Auch Menschen, die eine Sammelwut haben, und diese leider an ihrem Hausmüll austoben, sind vom Geruch her wenig anziehend, es sei denn, man ist eine Ratte. Schlimm auch, wenn du Nachbarn hast, die religiöse Eiferer sind oder missionarisch unterwegs im Auftrag irgendeines Herrn, der auch gerne ein noch unbekannter Guru ist.
Aber es geht noch schrecklicher.

Denn all diese Extreme erkennt man schnell und kann sich darauf einstellen.

Aber der zunächst freundliche Nachbar, der gerne mal einen Gefallen tut, dich sogar zum Grillen einlädt, der kann sich als tückisch entpuppen. Wenn du ihn nicht wieder loswirst und er deine Privatsphäre nicht respektiert. Der ständig auf deiner Fußmatte steht, immer etwas mit dir unternehmen will, der sich ständig Dinge ausleiht und sie leicht lädiert zurückgibt (das war schon so) und dich am Ende vielleicht sogar noch anpumpt, das kann die Hölle sein. Wenn er sogar noch eine schwere Scheidung hinter sich hat, also auch am Wochenende niemanden hat, mit dem er sich über die blöde Schickse unterhalten kann (wobei es keine echte Unterhaltung ist, es ist eher ein Monolog und ein Gegenüber, der mehr erfährt, als er jemals erfahren wollte). Der gerne schon frühmorgens die Zeitung bringt, daß sie nicht so einsam auf deiner Matte liegt, und, wo er schon mal da ist, doch einen Kaffee mittrinkt. Während du müde neben ihm sitzt, labert er dich mit Neuigkeiten voll, die so neu nicht sind und die alle mit einer gewissen Frau zu tun haben, von der er ohnehin die ganze Zeit spricht. Und während er deiner Frau hinterher sieht, dich noch darauf aufmerksam macht, wie glücklich du dich doch schätzen kannst. Der feine Hinweis, daß es doch eigentlich noch zu früh ist für Besuche ignoriert und den es auch nicht stört, wenn du dich kurz duscht.
Er hält solange die Stellung.

Gott sei Dank habe ich keine Waffen im Haus.

Wenn man aber, nachdem Andeutungen nichts fruchten, deutlich wird, wandelt sich die Freundlichkeit in grenzenlosen Hass, getarnt als tiefe, menschliche Enttäuschung. Plötzlich hast du morgens keine Zeitung mehr und auch ab und zu Kratzer im Auto. 
Schade, denn bald könntest du die Zeitung wieder gut gebrauchen, wegen der Kleinanzeigen.
 
Dann aber findest du ein Haus in bester Lage mit kleinem Garten und die Nachbarn sind alle Seelen von Menschen, die im Winter dein Stück des Gehwegs miträumen, die im Sommer Sommerfeste feiern und im Herbst miteinander zum Bergsteigen gehen. Die immer mit Zucker oder Werkzeug aushelfen und die weder Spinner, noch Langweiler sind. Die für alle Gelegenheiten jemanden kennen und empfehlen können, sei es wegen der Heizung oder Reparatur deines Wagens.
Ja, wenn du irgendwann einmal an diesem Punkt angekommen bist, dann solltest du dich darauf einrichten, daß du hier lange bleiben wirst.

Wenn du es deinem Sohn ausreden kannst, mit der Zucht von Vogelspinnen anzufangen. 
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