Gedankenlosigkeit
07 Feb. 2009 Was so mancher Yogi sich Zeit seines asketischen Lebens wünscht, das haben hierzulande schon viele Zeitgenossen längst, quasi nebenbei erreicht: Sich über nichts Gedanken zu machen. Wenn es etwa um sinnlosen Konsum geht, nur, um mehr Verpackungsmüll aus großen Biiligmärkten zu holen, um damit minderjährigen Sklaven in der Zweidrittelwelt rund um die Uhr mit der Herstellung zu beschäftigen, dann sind viele darin wirklich ganz groß. Das macht nicht glücklich, aber man müßte sich ja Gedanken über sein Tun machen, um daran zu arbeiten, wie man am besten glücklich würde.
Aber das ist nur die Gedankenlosigkeit im Großen.
Schlimmer ist die ständige Gedankenlosigkeit im Kleinen, die uns alle ständig umgibt.
So ist der häufige Gebrauch des Wortes "Weiber" für Frauen kaum von allzu viel geistigem Tiefgang geprägt. Wer mag sich wundern, daß er bei den "Weibern" nicht allzu gut ankommt, wenn er sie in seinen Worten ohne wirklich böse Absicht ständig schlecht macht? Auch die ständige Benutzung des Wortes "Neger" für Mitmenschen mit afrikanischen Vorfahren läßt einen nicht wirklich tolerant und rücksichtsvoll erscheinen. Wobei dieses Unwort aus Lübke-Zeiten nicht aus wirklicher Menschenverachtung verwendet wird, sondern allein aus fehlender Überlegung, was man da eigentlich sagt.
Dann sollte man auch nicht überrascht werden, wenn sich Rassismus nicht ausrotten läßt.
Aber wer gedankenlos ist, kann gar nicht überrascht werden, weil er nichts erwartet.
Auch ist im Alltag oftmals ein taktloses Verhalten zu beklagen, das andere vor den Kopf stößt, ohne, daß dies beabsichtigt wäre. Hänseleien über Übergewicht werden gewöhnlich als Witzchen getarnt, treffen aber die Betroffenen zuweilen doch tief. Bemerkungen über glückliche Beziehungen in Anwesenheit eines notorisch Einsamen, über Alkoholexzesse gegenüber einem trockenen oder auch nicht ganz so trockenen Alkoholiker sind deplaziert.
Aber an der Tagesordnung.
Ist es so einfach, gedankenlos zu sein?
Sagt einem nicht die Intuition, wo man besser mal seine Klappe halten sollte? Insbesondere, wenn man schon einmal von nervigen Zeitgenossen darauf hingewiesen wurde, daß man gerade in einen Fettnapf tritt. Sind einem seine Mitmenschen so egal? Gibt es so viele Misanthropen um einen herum? Oder macht man sich schlicht keine Gedanken?
Oder ist man nur man selbst?
Denn es ist anstrengend, stets immer nur das Richtige zu tun.
Manchmal will man eben nicht politisch korrekt handeln. Manchmal gehen einem diese ständigen Sittenwächter gehörig auf die Nüsse, manchmal will man schockieren. Denn dauernd der liebe Kumpel und Menschenfreund zu sein, das ödet auf Dauer doch an. Wer will schon immer jedermanns Liebling sein? So muß er nun manchmal eben raus, der Dämon, der alles und jeden in den Dreck zieht.
Manchmal?
Es gibt Zeitgenossen, bei denen das der Dauerzustand ist. Und dieser Zustand rührt auch nicht daher, daß man ab und zu provozieren will.
Dieser Zustand beruht auf einem ständigen Nirvana im Kopf.
Wie gesagt: Davon kann sich so mancher Yogi noch eine Scheibe abschneiden.