Realitätsverlust
07 Mai 2011Es ist ein Phänomen des Privatfernsehens: Die Wirklichkeit nachstellen und als Journalismus zu verkaufen. Man weiß seit langem, daß die Boulevardreportagen es mit der Wahrhaftigkeit nicht so genau nehmen, wenn sie etwa Prekariat zwischen den Werbeblöcken vorführt, um ihre Quoten zu erhöhen. Nicht jeder Idiot, der sich im Fernsehen als solcher zeigt, tut dies aufgrund natürlichen Idiotentums. Zuweilen sitzen die Idioten hinter der Kamera, wenn sie die Realität in ihrem Sinne zurechtbiegen, um ihrem Publikum suggerieren zu können, daß es Menschen gibt, die noch unter ihrem Niveau leben.
Und damit ein wenig mit ihrem Schicksal aussöhnen.
Hauptsächlich aber, um sie vor den Flachbildschirm zu locken.
Und die Steigerung ist reine Fiktion (im Anspann auch mit einem dürren Hinweis gekennzeichnet), aber im Stil verwackelter Bilder als pures, echtes Leben verkauft. Man kennt diesen Stil aus Reportagen engagierter Pressevertreter, die für ihre Berichte mit hohem Aufwand und auch zuweilen mit hohem persönlichen Risiko hinter die Kulissen schauen. Aber das Privatfernsehen hat weder die Mittel, noch den Anspruch, schon gar nicht die Zeit, der komplizierten Wirklichkeit auf die Spur zu kommen. Hier wird nicht dem eigenen Anspruch an Aufdeckung politischen oder sozialem Elends nachgegangen, sondern allein der Vorgabe, tunlichst mit wenig Aufwand viel billige Sendezeit zu füllen.
Aber warum stößt die Zurechtbiegung der Wahrhaftigkeit nicht auf Ablehnung?
Sind die Zuschauer derart darauf angewiesen, ihre eigenen Vorurteile bestätigt zu sehen?
Allerdings wäre dann auch zu erwarten, daß man viel öfter Berichte etwa über schmarotzende Muslime zu sehen bekäme, der Sarrazin-Diskussion zufolge. Wobei der Zuschauer im Gegenteil in der Meinung bestätigt werden muß, er sei der Gute. Gegen Ausländer und Minderheiten oder gar Behinderte zu hetzen (Ausnahme: Der Sozialhilfeempfänger), ist nicht Teil des Grundanspruchs, den auch das Prekariat an sich hat. Man soll sich ja nicht gehetzt fühlen, sondern verstanden.
Oder ist das ein Rest journalistische Sichtweise, daß man sich davor scheut, gänzlich die Palette der Vorurteile zu bedienen?
Oder nur der Presserat?
Und wie mag diese Darstellung auf die politische Bildung der Adressaten wirken? Ist die Diskussion um die "Kopftuchmädchen" (sic) auch nur vor dem Hintergrund zu verstehen, den die Dauerberieselten als Darstellung von Wirklichkeit aus ihren fiktiven Sendungen nehmen? So ist doch die Realität, ich sehe das doch jeden Tag im Fernsehen, nur die Politiker nehmen das nicht zur Kenntnis. Erzeugt das ein Zerrbild der Umwelt, das nicht besteht, aber so wahrgenommen wird?
Nehmen die Privatsender das hin?
Oder mag es ihnen sogar egal sein?
Kann es der Politik recht sein, daß ganze Bevölkerungsschichten sich ausklinken, um aufgepuscht zu werden gegen Probleme, die es in Wahrheit gar nicht gibt? Und sich Meinung bildet aufgrund erfundener Faktenlage? Verhindern kann man allerdings diese Art Unterhaltung nicht. Vielleicht, indem man mehr Arbeit schafft für Menschen, die dann nicht mehr soviel Zeit haben, diese schon vormittags totschlagen zu müssen.
Aber das wäre wohl bar jeder Realität.