Rastaman
09 Juni 2010Wissen die westlichen Reggae-Liebhaber eigentlich, wen sie da als ihren Gott verehren? Die echten Rastafari mögen es halbwegs wissen, aber diese scheinen doch den westlichen Nachahmern als Vertreter des lässigen und toleranten Lebenstils und der Naturverbundenheit zu dienen. Tolerant sind sie nicht wirklich, wenn man den Haß auf die Homosexualität anschaut, die sich auch in den Texten echter Rastafaris findet und des öfteren zu richtigen Lynchmobs führt, die Schwule durch die Straßen jagen und verletzen, gar ermorden.
Aber das mag nicht unser Thema sein.
Denn auch der Rastaman ist kein wirklicher Sympathieträger.
Haile Selassi war ein absolutistischer Herrscher, der auf einem Pfauenthon in extremem Luxus schwelgte, während in seinem Heimatland Äthiopien die größte Hungersnot seit Gedenken herrschte. Das interessierte den Herrscher aber wenig. Buchstäblich zu Millionen sind die Äthiopier damals verhungert, aber der Gottkaiser nahm davon kaum Notiz. Daß man solch einen Unmenschen als Rastaman anbeten kann, verwundert. Klar hat man das Recht dazu, aber gutheißen muß man es nicht. Noch weniger kann man verstehen, daß es die westlichen Intellektuellen kritiklos übernehmen, weil es zum Musikstil dazuzugehören scheint. In Deutschland wird zu Recht von den eher links eingestellten Intellektuellen das steige Auseinanderdriften der Schere zwischen Arm und Reich gebrandmarkt. Im Vergleich zum Lebensstil des Gottkaisers Selassi und dem Hungertode seiner Untertanen ist die Schere in Deutschland aber noch fast geschlossen.
Dennoch besingt man diesen absolutistischen Kaiser ungefragt.
Aber Widersprüche stoßen immer auf Widersprüche.
Man mag die Musik. Aber ist die Musik nicht auch ohne Rastaman denkbar? Würde man einen Faschisten, käme er in den Texten vor, ebenfalls übernehmen, weil die Musik einem in die eigene Lebensphilosophie zu passen scheint?
Wohl kaum.
Einem Herrscher aber zu huldigen, der gegen alles steht, was man sich aus dem Lebensstil als Rastafari erhofft, das erscheint wenig nachvollziehbar.
Haile Selassi wurde übrigens von der Intelligenz des Landes aus demselben gejagt. Warum man ihn hierzulande als geistige Folklore sieht, bleibt schleierhaft.