Der Normalzustand ist - sosehr das Wort den differenziert Denkenden mißfallen mag - der Zustand, an dem man sich orientiert. Er bindet keine Aufmerksamkeit, von ihm geht keine Gefahr aus. Erst, wenn etwas ungewöhnlich weil abweichend vom Gewohnten ist, signalisiert das: Achtung, Gefahr! Dann schärfen sich die Sinne, dann widmet man seine Aufmerksamkeit der spezifischen Situation, die vom Normalen abweicht.
Auch, wenn Ausnahmezustände ebenfalls zur Gewohnheit werden können.

Nicht nur der Stuntman, auch zum Beispiel Mütter müssen sich immer wieder auf Neues einstellen.

Dennoch lechzen wir alle nach der Nulllinie auf dem Oszillographen unseres Daseins. Auch, wenn die Höhen, die deutlich darüber hinaus gehen, doch das Salz in der Suppe des Lebens sind. Es ist nicht ungewöhnlich, daß das Leben auch Höhen birgt (auch, wenn viele Menschen geradezu Angst davor haben, sich Höhenflügen hinzugeben). Aber atypisch sind sie schon, ansonsten würde man sie nicht so lange und intensiv in Erinnerung behalten. Wer denkt schon jahrelang an völlig banale Verrichtungen? Aus wunderbaren Momenten jedoch kann man lange Kraft schöpfen für eben die lange Kette der Banalitäten, aus denen der Alltag besteht.

Wir suchen die Atypik, haben aber dennoch Angst vor ihr wie vor jedem Unbekannten. Denn der Alltag lullt uns ein, hält uns geborgen, für das Außergewöhnliche aber müssen wir die ausgetretenen Pfade verlassen. Dann hilft uns keine Routine. Dann müssen wir ins kalte Wasser springen und improvisieren. Dann können wir nicht auf Erfahrung bauen, sondern uns dem Unbekannten und vor allem unseren Bedenken davor stellen.
Aber dann haben wir wenigstens etwas zu erzählen.

Denn von Abenteuern erzählt es sich leichter als vom grauen Alltag. Den hat jeder selbst jeden Tag. Erzählenswert ist aber nur das Besondere, nichts nervt mehr als Geschichten ohne Pointe, ohne Höhepunkt, ohne das Unerwartete. 
Wer davon dennoch plaudert, präsentiert sich als Langeweiler.

Weil wir uns allzusehr in seinen Geschichten wiedererkennen? Weil er unser Leben erzählt? Oder weil er nichts Besonderes erlebt und das auch noch offen zugibt?
Ist das Mitleid?

Oder gar Selbstmitleid?

Es gibt allerdings auch das Gegenteil: Den Angeber, der mit ständigen Ausschweifungen als Höhepunkten glänzen will. Der ein Leben auf der Überholspur führt. Und der deshalb langweilt. Denn krampfhaft seinen Alltag als einzige Kette von Höhepunkten zu gestalten, die man gar nicht übersehen kann und die deshalb auch nicht in Erinnerung bleiben, erhöht zwar die Nullinie, macht sie aber nur zu einer erhöhten Nulllinie, die wiederum keine Höhen kennt.
Auch das ist langweilig.

Ein Mittelweg wäre schön. 
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