Maschinensuche
23 Juni 2009 Was waren das doch für armselige Zeiten, als man Wissen noch mühsam aus Büchern exzerpieren mußte. Als man noch Lexika zu Hause hatte, die mit eindrucksvollen Buchrücken eine ganze Zeile im Regal einnahmen. Als man noch Buchstaben auf echtem Papier zwischen viel anderem Papier wälzen mußte, um an Information zu kommen.
Heute scheint jeder Fakt nur ein paar Mouseclicks entfernt zu sein.
Wobei sich auch die Desinformation berechtigte Chancen erhoffen kann.
Denn die Quellen, aus denen die Bits und Bytes gespeist sind, sind zunehmend weniger überprüfbar. Selbst seriöser Presse passiert es immer öfter, daß sie eine Falschmeldung weitergibt, die sich aus dubioser Herkunft speist, ohne, daß man dies gleich erkennen kann. Am größten Lexikon der Weltgeschichte kann jeder Laie mitschreiben und man muß sich auch nicht mehr durch lange Abhandlungen kämpfen, so es doch überall mundgerecht aufbereitete Zusammenfassungen gibt.
Obwohl also das Wissen sich mehrt und zunehmend einfacher zugänglich ist, verarmt die Fähigkeit, es zu recherchieren.
Warum sich Mühe geben, wenn man sein Ziel auch durch komprimierende Leistung anderer erreichen kann?
Deprimierend, daß selbst Diplomarbeiten heutzutage spezielle Programme erfordern, die Plagiaten und vereinfachter Arbeitsweise durch bloßes Abschreiben auf die Spur kommen sollen. Wie soll man da noch authentisch sein? Für jede Formulierung, die man selbst findet und sie bei einer Suchmaschine eingibt (auf neudeutsch: googelt), findet man einige Urheber, die auf diese bereits schon vorher gekommen ist. Es ist geradezu ein Sport (den gibt es wirklich), zwei gängige Begriffe einzugeben und damit möglichst wenig Treffer zu erzielen (das sollte man einmal ausprobieren, das ist gar nicht so einfach).
Wir leben in einer Welt großer Möglichkeiten, in der es Sport ist, möglichst wenige davon wahrzunehmen.
Weniger ist vor allem bei der Mehrzahl mehr als genug.
Wir suchen nicht mehr selbst, wir lassen suchen. Das machen Maschinen für uns, die uns in einem Meer an Auskünften schier ertrinken lassen. Wir surfen, ohne das Ufer je zu erreichen. Und dabei leidet trotz immerwährender Nutzung nicht nur Rechtschreibung und Interpunktion, sondern auch der Wille, sich angesichts des ohnehin Vorrätigen noch groß anzustrengen, diesen Vorrat auch zu nutzen.
Was ich jederzeit haben kann, muß ich mir nicht sichern.
Das läuft mir nicht weg; im Gegenteil, es wird mehr.
Und in unserer schnelllebigen Zeit veralten Informationen auch schneller und schneller. Je später ich also Fakten sammle, desto aktueller und zutreffender sind sie. Also habe ich Zeit, die ich dazu nutzen kann, mich um Fakten zu kümmern, die ich nicht brauche und damit meinen Speicher voll zu laden. Bis für die wichtigen Daten kein Platz mehr ist.
Aber sie sind ohnehin im Netz, also, warum sich über Datenmüll noch aufregen.
Dort sind sie gut aufgehoben, denkt man und lehnt sich beruhigt zurück.
Wenn man weiß, wo sie sind und wo man sie suchen lassen muß, genügt das heutigen Ansprüchen völlig.