Wie wunderbar, was alles dem Wandel unterworfen ist. Da wird aus einer dieser eher ekligen Raupen fast über Nacht ein fröhlicher Schmetterling, da wird aus dem pummeligen Nachbarskind fast unbemerkt ein schöner Schmetterling, da wird aus dem verregneten Frühling ein warmer Sommer. Da freundet man sich doch noch mit seinen Nachbarn, vielleicht sogar mit seiner Arbeit an und ändert seine Sichtweise auf dieselben und dieselbe vollkommen.
Kaum etwas ist, wie es vor kurzem noch war.

Vielleicht einmal abgesehen von der Wohnzimmereinrichtung unserer Großeltern.

Sogar Politiker ändern ihre Meinung ständig, allerdings vollziehen sie die Metamorphose in umgekehrter Richtung: Vor den Wahlen sind sie bunte Schmetterlinge, bereit, alles und jeden zu befruchten, um dann kurz nach dem amtlichen Endergebnis als Raupe alles kahl zu fressen, erst das Buffet der eigenen Partei, dann im Wege der Diäten alles, was sich an Möglichkeiten bietet (die einzige Diät, die allein dem Zweck dient, möglichst fett zu werden). So mancher oder so manche kann sogar nach jeder Wahl, sei sie auch noch so unbedeutend, die politische Farbe wechseln. Mal kämpft man für Recht und Ordnung, dann gegen Überordnung oder Unterordnung, dann schließlich gegen etwas, was man auch noch nicht so genau benennen kann.
Was aber jedenfalls einem "Bedürfnis der Bürger" entspricht.

Eigentlich will der Bürger doch, daß man Farbe bekennt, nicht, daß man Chamäleon spielt.

Und das Beste daran ist, daß man trotzdem gewählt wird. Denn nicht, wer das beste Programm hat (nach der Wahl ist ohnehin alles anders, denn, anders als im Fußball ist nach der Wahl nicht vor der Wahl), sondern wer sein angeblich so bedürftiges Programm (nein, das Programm ist nicht bedürftig, der Bürger ist hilfsbedürftig durch das Programm) am besten an den Mann oder die Frau bringt. Nicht Argumente sind von Bedeutung, sondern makelloser Teint oder zur Not auch ein merkwürdiger Auftritt in einem Boulevardmagazin. Wenn alles nichts hilft, muß halt ein uneheliches Kind oder ein Auftritt bei "Big Brother" herhalten.
Hauptsache, man bliebt im Gespräch.

Nicht in dem mit dem Bürger, sondern in dem zwischen den Medien und den Bürgern. 

Und so gibt es nun nach den Europa-Wahlen neue sich wechselnde Bäumchen, neue Parteien, die es zu gründen gilt (war die Liste der unnötigen Parteien nicht schon lange genug?) und die dieselbe inhaltliche Leere beinhalten, die aber den Bürgern nie eine Lehre sein wird. Neue Gesichter oder auch nur alte Gesichter mit neuem Make-Up verkünden neue oder alte Sprüche in neuen Gewändern, alte Parolen werden mit neuem Anstrich, aber nicht Anspruch todernst in Millionen Kameras moderiert.
Nur der Bürger sitzt vor der Glotze und denkt sich: Den kenn' ich doch? 

Oder kommt mir das nur so vor?

Und wen ich kenne, den wähle ich. Denn wenn man schon auf irgend eine Masche hereinfällt, dann doch lieber auf eine, die man schon kennt.
Denn anders als der Politiker wechselt der Bürger die Meinung, die er in aller Regel nicht hat, eher selten. 
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