Spinner
01 Juni 2009 Obwohl wir umzingelt sind von Menschen, die in irgendeiner Situation schon einmal von irgendjemandem als "Spinner" bezeichnet wurden, ist der Ausdruck zumeist noch ein Zeichen von Stigmatisierung. Wobei sich so mancher zur Vermeidung von Eigenlob schon selbst so bezeichnet, wenn er sich voll und ganz einer Sache widmet. Um seine Leidenschaft zum Ausdruck zu bringen, vor allem aber seine Einzigartigkeit.
So mancher, der gerne an Autos herumbastelt, meint schon, er würde als Spinner gesehen; wobei an Kraftfahrzeugen herumzuschrauben so gar nichts Ungewöhnliches hat, sondern eher einen Hauch von alltäglicher Normalität, ja Banalität hat. So mancher Kaninchenzüchter versucht, sein eher kleinbürgerliches Steckenpferd als außergewöhnlich zu adeln, indem er sich selbst der Spinnerei bezichtigt. Die langweiligeste Spießerin hält sich für verrückt und wild, wenn sie sich auch nur eine Strähne ihres Haupthaares in einer anderen Farbe färbt.
Es kommt immer auf die Sichtweise an.
Spinner möchte keiner sein, nur außergewöhnlich. Spinner sind nur solche Menschen, die sich einer einzigen Sache mit ausgesprochener Akribie widmen.
Wobei die Welt von denjenigen, die eher unangenehm außergewöhnlich sind und waren, lebt. Ohne die Nerds vom Schlage eines Bill Gates oder Albert Einsteins wäre der technische Fortschritt wohl kaum denkbar, um ein paar bekanntere Vertreter aus einer Schar weltfremder Weltverbesserer zu nennen. Beethoven etwa muß nach allem, was man kolportiert bekommt, ein im persönlichen Umgang überaus schwieriger Mensch gewesen sein, aber ohne seine Musik wäre die Welt sicher ärmer. Auch Van Gogh muß schon krankheitsbedingt nicht gerade die Gesellschaft gewesen sein, die man sich für einen harmonischen Nachmittag wünscht, aber er hat mit all seiner Leidenschaft ausschließlich gemalt und der Nachwelt Außergewöhnliches hinterlassen.
Allerdings sind nicht alle Außenseiter, die sich mit nur einer Sache beschäftigen, Genies.
Gegen den Strom zu schwimmen, ist nicht immer zielführend.
Nur, weil jemand alle Endspiele aller Pokalrunden in den Fußballliegen der Welt auswendig weiß, bringt er damit die Welt noch nicht voran. Auch ist die Beschäftigung mit Astrologie oder Perry-Rodan-Heftchen, so exzessiv sie auch betrieben werden mag, nicht automatisch mit Unsterblichkeit verbunden. Wer einen deutlichen Hang zum Verfolgungswahn oder zur Trunksucht hat, ist noch lange kein Zeitgenosse, auf dessen Bekanntschaft man einmal stolz sein werden könnte. Wer den Bau eines mittelgroßen Sportstadions oder eines Theaters aus Beton für eine Jahrhundertleistung hält und sie gegen alle Unkenrufe steuerzahlender Ästheten vehement verteidigt, ist noch lange kein Großer der Weltgeschichte.
Spinner, die Verehrung verdienen, sind stets mit außergewöhnlicher Leistung verbunden nicht nur mit Sonderbarkeit.
Auch eine laufende Nummer ist einzigartig, ohne wirklich aus der Masse hervorzustechen.
Wobei die Sonderbarkeit meist auch Ausdruck einer Außergewöhnlichkeit ist, die der Normalsterbliche unmittelbar nicht nachvollziehen kann. Wir Ottos Normalversager, die unsere Steuererklärungen machen und unseren Kindern das Schwimmen beibringen, wir sind meist so in unserer Alltäglichkeit verhaftet, daß wir kaum jenseits unseres Tellerrandes das Konstruktive hinter dem Spinnen sehen, wenn uns die vordergründige Ungewöhnlichkeit des Verhaltens schlicht auf die Nerven geht.
Wer hätte auch ahnen können, daß der sonderbare Nachbar einen umweltfreundlichen Werkstoff erfunden hat, der leicht ist und billig aus nachwachsenden Rohstoffen herstellbar und der besser dämmt als alles, was es bereits gibt? Nein, uns geht gehörig auf sämtliche Senkel, daß er seinen Müll nicht trennt und seine Bäume buchstäblich in den Himmel wachsen läßt, von dem aus uns jede Sonne genommen wird auf unserem Grundstück.
Weil wir, ohne es zu wissen, alle in seinem Schatten stehen.
Aber können wir sein eigenwilliges Verhalten, keinen zu grüßen und sich selten zu waschen von dem Durchschnittspenner an der Ecke ohne Zähne unterscheiden, der uns immer vor den Aliens aus dem All warnt?
Und manchmal sind wir selbst die Spinner, wenn wir lange Haare tragen und eigenhändige und laute Musik machen auf kleinen Bühnen, die beileibe nicht die Welt bedeuten. Wenn wir großformatige Farbexplosionen auf gebrauchte Bettücher schleudern oder bei schönstem Wetter in der dunklen Stube sitzen und Romane zu Tastatur bringen.
Ja, man mag unsere CDs, auch unsere Bildchen, manchmal sogar unsere Geschichten von absonderlichen Figuren, in denen sich so mancher aus der eigenen Umgebung weigert, sich wieder zu erkennen.
Aber unser unbürgerliches Verhalten, nicht die bayrische Staatspartei zu wählen, nicht sonntags in der Kirche so zu tun, als sei man Christ und auch nicht volkstümliche Musik zu hören, wie es alle Welt macht, ist doch sehr verdächtig.
Und alles, was anders ist, als man selbst, tendiert zum Spinnen.
Denn man selbst ist immer der Maßstab. Alles Spinner außer ich.
Selbst der Geisterfahrer auf der Autobahn hält alle anderen für Spinner.
Schwer, sich selbst als außergewöhnlich zu entlarven, wo man sich im Laufe des eigenen Lebens doch so sehr an sich selbst gewöhnt hat.