Es ist eine Tugend, abwarten zu können. Nicht jeder hat sie, ansonsten wäre es auch keine Tugend, geduldig zu sein. Und die modernen Zeiten tragen dazu bei, zunehmend weniger tugendsam in dieser Richtung zu sein. Nicht nur, daß die Uhren immer genauer sind und sekundengenaue Verabredungen ein Gebot der Höflichkeit sind, auch die Industrie hat für zeitgenaue Lieferungen einen  - selbstverständlich englischen - Ausdruck entwickelt: Just in time.
Als seien frühere Lieferungen nicht zu irgendeiner Zeit geliefert worden. 

Oder will man damit sagen, es komme nicht auf den genauen Ort an, nur auf die genaue Zeit? 

Auch sind die Tage des modernen Menschen mit Terminen gespickt, man hastet von einem Appointment (nicht: Date - außer vielleicht ausgesprochen promiskuitiv Lebende) zum nächsten und hangelt sich gewissermaßen an einem Verabredungsskelett durch den Tag. Statt die Zeit für sich zu nutzen oder sogar für sich arbeiten zu lassen, arbeitet man eigentlich nur gegen die Zeit und nutzt sich so mit der Zeit schnell ab. Die Zeit vergeht wie im Fluge, aber es vergeht auch so mancher Tag, ohne wirklich genutzt worden zu sein.
Carpe diem.

Aber wie ein Karpfen schnappt man ständig nach luftigen Zeiteinheiten, die einem den Tag zerstückeln.

Vorbei die Zeiten, als man noch ohne Zeitempfinden war. Man selbst war das und auch die Menschheit, als man und sie noch in den Kinderschuhen steckte. Ein Nachmittag konnte ein Universum sein, jetzt ist es ein Wimpernschlag, angezählt vom lautlosen Ticken quarzgenauer Zeitmesser. Sogar jedes Foto, das man macht, hat eine Einblendung, wann genau es entstand, bei jeder Tastenberührung wird zeitgenau registriert, wann der Kontakt Mensch und Maschine stattgefunden hat.
Alles registriert, ohne, daß der Mensch dies wirklich registriert.

Seiner Unbefangenheit beraubt, kann man auch nicht mehr ruhig abwarten, bis etwas passiert, nicht mal, wenn sinnigerweise auf dem Monitor eine Sanduhr zu sehen ist als Symbol des gezwungenen Verweilens. Aber es muß alles schnell gehen, Autos müssen mindestens über Nacht repariert werden, Fertighäuser werden an einem einzigen Tag von der Kellerplatte bis zum Dachstuhl errichtet und Waren entstehen buchstäblich am Fließband. Mußte man früher noch Wochen warten, bis man wußte, ob Fotos etwas geworden sind, kann man sie nun sofort nach dem Auslösen ansehen. Auch auf Essen muß man nicht warten, man kann sogar mit dem Auto direkt an die Ausgabestelle fahren, wo dann bereits vorgefertigtes Schnellessen ausgegeben wird. Und man muß sich auch keine Zeit mehr hierfür nehmen, in Minuten können Kalorienmengen in sich hinein geschlungen werden, für die früher eine alte Dame lange sähen mußte.
Aber wer will noch dem Korn beim Wachsen zuschauen, selbst, wenn man es zwischen zwei Werbeblöcken im Zeitraffer im Fernsehen sehen kann.

Früher hieß es: Geduld, mein Junge, warte, bis du groß bist.

Jetzt bin ich groß und derselbe Rat geht bei den jungen Menschen ins Leere. Weil sie alles schon erlebt haben und gar nicht erst auf später vertröstet werden müssen. Sie sind ungeduldig, wissen aber selbst nicht so genau, wegen was und worauf sie eigentlich ihre Ungeduld ausrichten. Die Autos werden immer schneller, sogar die Fahrräder, selbst die Schnitte in einem durchschnittlichen Kinofilm müssen älteren Zeitgenossen wie ein Blitzlichtgewitter vorkommen. Moden wechseln in rasanter Folge, und mit ihr das Aussehen junger Damen und neuer Modelle der Autoindustrie. Man wartet nicht mehr auf grün, bevor man die Straße überquert, ißt am Arbeitsplatz und arbeitet auch beim Essen noch weiter.
Keine Zeit für nichts, eine Zeit für nichts und alles.

Ich habe keine Zeit. Was ich vielleicht wirklich nicht habe ist: Geduld.

Wer Geduld hat, sieht die Menschen an sich vorbeieilen. Wer Geduld hat, schont seine Gesundheit. Wer Geduld hat, kann warten und nimmt nicht jeden Augenblick an Wartezeit als verlorene Zeit an. Wer Geduld hat, ist allerdings von gestern. 
Aber da Moden in Wellen kommen, ist er vermutlich auch seiner Zeit voraus. 

Und somit von morgen.

Wobei er seinen Zeitgenossen voraus hat, daß er über den Dingen steht, vor allem über der Zeit. Es wird Zeit, geduldig zu sein.
Aber dafür muß man erst einmal Zeit haben. 
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