Nachts nicht zu schlafen, erhöht den Anteil an Zeit, den man zur Tätigkeit zur Verfügung hat. Wovon Workoholics  nur träumen, haben Schlaflose längst erreicht: Den Tag mit all seinen 24 Stunden zu nutzen. Während andere rund ein Drittel ihrer Lebenszeit unproduktiv in den Produkten der Bettenindustrie herumliegen, kann sich der Nichtschläfer rund um die Uhr aktiv zeigen. 
Oder doch zumindest wach.

Zudem spart er sich das Schlafzimmer.

Die weltweite Unsitte, ein großes Zimmer nur mit einem großen Bett vollzustellen und dann vor allem inaktiv zu nutzen, übt der Schlaflose nicht aus. Er hat einen zusätzlichen Raum, den er wahlweise als Fitness- oder Arbeitszimmer einrichten kann oder auch als Raum für Medien mit nichts als einer Kinoleinwand, einem Beamer und einer riesigen Stereoanlage nebst bequemen Sessel. 

Ihm kann egal sein, ob Autolärm den Schlaf stört, also kann er auch die billigere Wohnung an der vielbefahrenen Straße anmieten. Er hat nicht dauernd Waschmaschinen voller Bettwäsche zu waschen. Auch muß er nicht alle paar Jahre eine teure Spezialmatratze kaufen, die rückenschonend und allergikergeeignet ist. Keine Krümel im Bett und auch keine Pyjamas im Schrank. Kein Schlaf in den Augen und keine kalten Füße im Bett.
Traumhaft, ohne je zu träumen.

Es sei denn, er hätte Tagträume.

Der Nicht-Schläfer ist dann wach, wenn das Fernsehprogramm anspruchsvoll und erwachsen wird und die Stadt schläft. Er kann hemmungslos rund um die Uhr sündigen und ist ein angenehmer Partner, der garantiert nicht schnarcht. Man kann ihn zu jeder nachtschlafenden Zeit anrufen, ohne ihn aus dem Schlaf zu reißen. Allerdings bleibt er bei Einladungen auch stets sehr lange, schließlich muß er morgen nicht früh raus.
Er muß nämlich gar nicht rein.

Weil er immer leicht ist und die nötige Bettschwere hat.

Er ist immer auf, ist der früheste Frühaufsteher, den man sich denken kann und wird es daher nach dem Sprichwort weit bringen. Er schläft auch bei langweiligen Vorträgen nicht ein und lernt daher viel. Er ist auch vor dem gefährlichen Sekundenschlaf am Steuer geweiht.
Wenn dem alles so wäre.

All diese Vorteile sieht der Schlaflose nämlich gar nicht, er sehnt sich nur nach Schlaf, den er nicht findet. Er ist immer müde, nur nicht dann, wenn er schlafen soll. Ganze Industrien leben davon, Schlaflose ihren Schlaf chemisch oder mit welchen technischen Hilfsmitteln auch immer ins Reich der Traumlosigkeit zu liefern. Schlafmittel werden wie Smarties eingeworfen, reizen im Extremfall aber nur Magen und machen süchtig, aber nicht schläfrig. Mit glasigen Augen nimmt der Schlaflose nicht nur Medikamente, sondern auch kaum etwas um sich herum wahr. Er befindet sich in einer Art Zwischenstadium zwischen Schlaf und Wachzustand, ohne ein Auge zuzubekommen. Tausend wirre Gedanken kreisen in seinem Kopf, während der Wecker neben ihm unbarmherzig anzeigt, wieviele Stunden er sich nun schon hin und herwälzt. 

Es sind schon Menschen an Schlafentzug gestorben. Manche waren sogar stolz darauf, nicht mehr als zwei Stunden am Tag zu schlafen. Manager und Arbeitstiere mit vier verschiedenen Jobs gönnen sich nicht viel Zeit in den Federn, das Leben ist zu kurz, um es zu verschlafen.
Sie haben intensiver gelebt, also sind sie auch früher gestorben.

Hätten sie nur ein wenig mehr auf ihre innere Uhr gehört, statt auf viele äußere Uhren. 

Stattdessen nahmen sie Aufputschmittel, um den Schlaf in Schach zu halten und riskierten, ihre Schlaflosigkeit im Gefängnis auszuleben. Weil verschiedene Wachmacher illegale Drogen sind, die weit verbreitet sind, aber bei den Behörden auf wenig Verständnis stoßen. Diese menschlichen Maschinen lassen sich chemisch wach halten, während andere Menschen teure Chemie in sich reinstopfen, die müde machen.
So kämpft eben jeder mit seinen Dämonen.

Wieviele Zeitgenossen kennen noch den Zustand, morgens nach gutem Schlaf den Tag zu begrüßen und sich darauf zu freuen, mit frischer Kraft sein Tagwerk anzugehen. Ausgeruht aus der Bettstatt zu springen und gegen alles gewappnet zu sein.
Keine Angst zu haben vor dem ewigen Schlaf oder der ewigen Schlaflosigkeit. 

Vor nichts Angst zu haben, denn ein gutes Gewissen ist ein sanftes Ruhekissen.

Aber wer erzählt schon groß den Kollegen, er hätte gestern wieder so gut geschlafen. Interessanter sind doch die unvermeidlichen Geschichten, man hätte gestern wieder die Nacht zum Tage gemacht und es sei wieder sehr spät geworden. Das bedeutet, man hat viel getrunken und wenig geschlafen und stellt dies als große Leistung dar. Zu großen Leistungen ist man daher am nächsten Tag nicht fähig, als wenn man dafür Verständnis haben und für den Kollegen mitarbeiten müßte.
Schlaflosigkeit sollte nicht auch noch bezahlt werden.

Meist muß man sie selbst bezahlen: Mit seiner Gesundheit. 
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