Zweischneiden
24 Apr. 2009 Vorteil ist besser als Nachteil, aber der Nachteil der meisten Dinge ist nun mal, daß sie nicht nur Vorteile haben. Wenn etwas als ausschließlich positiv dargestellt wird, ist vielmehr Mißtrauen angezeigt, weil das unrealistisch sein dürfte.
Alles hat eben zwei Seiten.
Wobei das in Wirklichkeit noch untertrieben sein dürfte.
Denn nichts außer Schwarz-Weiß-Fernsehern ist wirklich schwarz-weiß. Und diese sind kaum noch zu sehen. Vielmehr ist die Welt bunt und vielfältig. Viele Aspekte kennzeichnen die Dinge, die je nach Blickwinkel auch noch unterschiedlich zu gewichten sind.
Wer kann sich da noch abschließend entscheiden, wo doch so viele Faktoren zu berücksichtigen sind.
Und demgemäß gibt es fast so viele Ansichten wie Menschen.
Jeder sieht die Welt mit seinen Augen, was nicht die Welt verändert, sondern nur Anlaß gibt, auf Standpunkte nicht allzu sehr zu bauen. Die Welt mag objektiv sein, die Art der Wahrnehmung ist es nicht. Was schert mich die Wirtschaftskrise, wenn ich einen krisensicheren Job habe; was kümmert es mich, wenn sich alle Welt über Fortschritte in der internationalen Verständigung freut, wenn mich gerade meine große Liebe verlassen hat. Über einen Tropfen Öl in einer Million Tropfen Wasser kann man sich ärgern mangels Trinkwasserqualität; aber auch ein Tropfen Wasser in einer Million Tropfen Öl ist kein Grund zur Freude, weil das nicht jeder Motor mit Genuß konsumiert.
Wie soll man so zu einer persönlichen Sichtweise kommen, wenn diese auf Informationen beruht, die wiederum von Menschen stammen, deren Sichtweise subjektiv ist und unter Ausklammerung gewisser Fakten zu einem vorläufigen Ergebnis kommt.
Das morgen schon ganz anders aussehen kann.
Da sichtet man viele Argumente für und gegen etwas, wobei man kaum alle Details kennen kann, das gelingt selbst Spezialisten nicht (oder warum schließen spezialisierte Architekten, hochqualifizierte Ärzte und auch Betreiber von Kraftwerken Versicherungen ab?). Man kann sich nur auf einzelne, exponierte Gegebenheiten verlassen und darauf vertrauen, daß entlegenere Faktoren sich nicht realisieren (denn manchmal stürzen Häuser ein, sterben Menschen während der Behandlung und ereignen sich Störfälle in bestens überwachten Energieerzeugungsstätten).
So geht manches schief, statt wie erwartet geradeaus voranzuschreiten.
Denn zweitens denkt man anders, als drittens es dann kommt.
Und auch will man nicht alles bis ins letzte Fitzelchen hinein planen, ein paar Dinge will man auch einfach laufen lassen. Denn allzuviel Planung stiehlt Lebenszeit und steht auch dem Wunsch nach einem ungebundenen, freien Leben im Wege.
Und wenn ohnehin sich alles so entwickelt, wie es eben möchte, dann ist die Zeit für allzu viel Voraussicht völlig für die Katze.
Zwar mag Vorsicht besser sein als Nachsicht. Aber was man vor sich hat, mit Nachsicht zu betrachten, ist allemal besser, als wegen allzu viel Vorsicht gar keine Zeit mehr zu haben, Nachsicht auszuüben.
Vorsicht mag die Mutter der Porzellankiste heißen.
Aber Scherben bringen zuweilen Glück.