Wienbegrüßung
03 Nov. 2010Zu dieser Jahreszeit, in der die rechte Lust auf Weihnachten sich - aller Bemühungen der Industrie zum Trotze - noch nicht einstellen will, haben die Geschäftemacher die Zeichen der finanzschwachen Zeiten erkannt und kurzerhand Halloween zum Non-Plus-Ultra erklärt. Man begrüßt damit nicht die österreichische Hauptstadt (insoweit ist der Titel nur ein Kalauer, den ich mir nicht verkneifen konnte), sondern die Kunden in den Geschäften, wo sie Kostüme, Kunstblut und säckeweise Süßigkeiten kaufen.
Ein Brauch, den es schon lange gibt. Aber nicht hier.
Sondern aus dem Land der inzwischen gar nicht mehr so unbegrenzten Möglichkeiten.
Hat man hierzulande nicht genug Bräuche, die man beachten muß? Nun kann man sich bei den meisten Gelegenheiten auch heraushalten, aus religiösen Gründen. Oder auch ohne irgendwelche Gründe, schließlich sind wir freie Menschen in einem Rechtsstaat. Die Wienbegrüßung aber wird einem förmlich aufgezwängt. Wenn man nämlich dem schrillen Läuten der Kindergruppen nicht nachgibt, riskiert man, an seinem Hab und Gut geschädigt zu werden. Auch Todstellen hilft wenig, denn dann machen einen die lieben Nachbarn eindringlich auf die Pflicht aufmerksam, doch jeden Blödsinn, der aus den Vereinigten Staaten kommt, mitzumachen.
Schon der Kinder zuliebe.
Nun haben die USA zwar ihre Alleinherrschaft auf dem Weltmarkt größtenteils eingebüßt, sind wirtschaftlich und vor allem moralisch als Vorbild kaum mehr tauglich. Sicher wäre nur deutsche Musik ohne amerikanische Einflüsse kein Grund, überhaupt noch Musik zu hören (was aber keine Legitimation sein sollte, alles, was aus Übersee kommt, für sakrosankt zu halten). Auch das Argument, die ehemalige Besatzungsmacht habe es doch gut mit Deutschland gemeint, sollte doch kein Grund sein, hierzulande für Arbeit für unterbeschäftigte Zahnärzte zu sorgen. Auch ist Deutschland nicht mehr besetzt.
Das will man auch gar nicht.
Vehement wehrt man sich in unserem Lande gerade gegen Überfremdung, gegen fremdartige Kultur und vor allem gegen fremde Überzeugungen, die der so genannten "Leitkultur" nicht entsprechen. Aber gilt das nur für islamische - soll heißen: Türkische - Kultur, aber nicht für amerikanische? Wobei man selbst entscheiden kann, ob man Döner ißt, aber kein Schweinefleisch. Aber die Erpressung durch von zuviel amerikanischem Fernsehen geleiteten Kinder kann man sich nicht entziehen.
Ich will nicht zu Mohammed beten, ich finde auch die türkische Art, sich zu kleiden, eher unästhetisch. Aber ich erkenne ausdrücklich das Recht an, dies zu tun. Mag man auch mancherorts Halloween feiern, man sollte auch mein Recht anerkennen, sich dem zu entziehen und es nicht als ortsüblich anzusehen.
Das Recht aber wird mir verwehrt.
Wenn das nicht paradox ist. So weit geht die Diskussion nach Sarrazin aber nicht. Kein Wunder, denn dort geht es auch nicht um Argumente, sondern um Ressentiments.
Zumindest an Halloween zeigt sich die Absurdität der Debatte um die deutsche Leitkultur.