Vuweseelers
12 Juni 2010Ein neuer Ton - oder Mißton, je nach Ansicht - dringt in das Bewußtsein und den Gehörgang der Europäer: Vuvuzelas, Plastiktröten, mit denen Afrikaner in Fußballstadien und auch außerhalb Schallpegel von Presslufthämmern erzeugen. Jeder bläst einen Ton und in der Summe unterschiedlicher Töne und Stimmungen ergibt sich in der Summe eine Kakophonie aus Lärm.
Bis die Ohren bersten.
Die Afrikaner freilich weisen jede Kritik an ihren Krachmachern zurück.
Das sei ihre Tradition und Widerstand dagegen trage rassistische Züge. Wobei die Behauptung einer echten Tradition kühn ist, denn erst vor kurzem wurde ausgerechnet aus den Vereinigten Staaten die Plastikposaune importiert, die damit so gar nichts Althergebrachtes hat. Sie gibt es in Plastikform erst seit 2001, der Vorgänger aus Zinn existiert erst seit etwa 1990. Auch erscheint sie nicht wirklich als Sinnbild schwarzen Selbstbewußtseins, sondern eher als eines der Wegwerfgesellschaft, als einer Gesellschaft, die minderwertigen Plastikschund herstellt, der nicht all zu lange hält und dann die Umwelt belastet.
Von der Lärmbelästigung einmal abgesehen.
Aber Ausdruck des Publikums für Gefallen oder Mißfallen am Spiel der Fußballspieler ist sie nicht, die Tröte, die ein wenig derjenigen ähnelt, mit der man einst die Mauern von Jericho zum Einfallen brachte. Wenn man den Lärmpegel hört, scheint das auch kein Wunder zu sein. Statt gute Spielszenen mit Freudengesängen und Formtiefs der eigenen Mannschaft mit Anfeuerungsrufen zu begleiten, sieht sich der Kicker einer durchgehenden Wand aus Geräusch gegenüber. Egal, was unten passiert, oben ist die Publikumsreaktion immer dieselbe, durchgehend. Und der Fernsehzuschauer hört ein Brummen wie von Milliarden Bienen, an das man sich gewöhnt oder den Ton leise stellt.
Repräsentiert das Afrika?
Immerhin ist die Geräuschkulisse sehr demokratisch.
Keiner wird bevorzugt, keinem gilt der Posaunenchor auf den Rängen, die blasen sich selbst den Marsch. Hauptsache: Laut. Da sagt man doch den Afrikanern eine große Musikalität nach, ein für Kaukasier unerreichbares Rhythmikgefühl. Und alles, was man zu hören bekommt, ist undefinierbarer Lärm? Das rührt auch daher, daß die Zuschauer nicht miteinander trompeten, sondern gegeneinander. Eine Taktik, die auf die die Politik vieler afrikanischer Staaten insgesamt zu passen scheint. Welche Wirtschaftskraft liegt brach, weil Stämme gegeneinander kämpfen, weil kleinkarierte Diktatoren nur auf sich schauen und nicht auch auf andere hören.
Die Plastikposaune ist also vielleicht nur Ausdruck eines afrikanischen Dilemmas.
Wäre es nicht an der Zeit, aus diesem herauszufinden, und den gemeinsamen, guten Ton zu suchen?
Europa hat zusammengefunden, Ost und West stehen nicht mehr im Kalten Krieg, überall werden Grenzen eingerissen. Nur Afrika präsentiert sich als Flickenteppich aus Einzelinteressen. Gerade die Weltmeisterschaft wäre Anlaß gewesen, damit anzufangen und der Welt zu zeigen: Wir sind da, wir sind viele und wir sind eins. Stattdessen ein Lärm aus Millionen Wegwerfinstrumenten, der eher Mauern aufbaut, statt sie einzureißen. Dabei soll der Fußball die Menschen doch zusammenführen. Stattdessen trennt das Afrika vom Rest der Welt und die FIFA wird sich dreimal überlegen, nochmal eine Weltmeisterschaft einem Land des schwarzen Kontinents zu vergeben.
Schade.