Arbeitsfreude
18 Feb. 2010 Was in der gegenwärtigen Diskussion um die angeblich so dekadenten Erwerbslosen auch gerne übersehen wird: Zu arbeiten ist auch Lebensinhalt. Teil von etwas zu sein und irgendwo hinzugehören, ist auch befriedigend. Nur zu Hause herum zu sitzen, bis einem die Decke auf den Kopf fällt (wenn man sich nicht leisten kann, sie zu renovieren), kann auch zutiefst unbefriedigend sein.
Die Aussicht auf viel freie Zeit mag verlockend sein.
Aber immerwährendes Nichtstun tut den Menschen nicht gut.
Aus eigener Anschauung weiß ich: Selbst bei selbstgewählter Aktivität wird einem das Nicht-gebraucht-werden irgendwann zu viel. Als ich auf meine Anerkennung als Zivildienstleistender gewartet habe, hatte ich gezwungenermaßen viel Leerlauf. Diesen wußte ich zwar mit so mancherlei Dingen zu füllen.
Dennoch war ich froh, als die Zeit vorbei war und ich durchstarten konnte.
Wieviele Menschen definieren sich doch - zumindest auch - durch ihre Arbeit.
Man muß kein Workoholic sein, um nicht auch Spaß an dem zu haben, was man beruflich macht. Es dürfte sogar Teil der Lebensfreude sein, wenn man das, was man macht, auch gerne macht. Jedenfalls besser, als wenn man nichts macht und dies einem auch bewußt ist. Ich werde nicht gebraucht und auch nicht vermißt.
Nicht umsonst scharen sich Gleich und Gleich oft zusammen.
Und so lernt man als Erwerbsloser vor allem auch andere Erwerbslose kennen.
Denn wer hat normalerweise schon den ganzen Tag Zeit und will diese Zeit füllen, ohne, daß es viel kosten darf. Das erklärt auch die Quoten bei Talkshows und Gerichtssendendungen im Privatfernsehen. Man hat allzu viel Freiraum, aber nicht von etwas, sondern ist nur frei von nichts.
Und das drückt auf die Dauer auf das Gemüt.
Nicht umsonst ist die Zahl der Depressionen und schwereren Erkrankungen bei Erwerbslosen deutlich höher als bei der arbeitenden Bevölkerung.
Erwerbslosigkeit ist also vor allem eins: Schicksal.
Und nicht Errungenschaft.
Die meisten wollen aus diesem Schicksal heraus. Und es wäre die Aufgabe der Politiker an der Macht, ihnen aus diesem Schicksal heraus zu helfen.
Und sie nicht noch zu beschimpfen.