Etikette
14 Juli 2009 Was auf Waren im Supermarkt selbstverständlich erscheint, weil man den Konsumenten über Preis, Inhalt und Verwendung informieren will, ist im Internet angeblich auch gefragt. Dort allerdings beinhaltet der meist "Netikette" genannte Verhaltenskodex insbesondere Regeln für den Umgang miteinander. Schließlich sollen die Foren dazu dienen, miteinander zu kommunizieren, zu diskutieren, aber vor allem: Sich auszutauschen. Demzufolge soll man höflich miteinander umgehen, sich tunlichst nicht beleidigen und vor allem auch nichts in die Welt hinausschreiben, was strafrechtlich relevanten Inhalt hat oder untragbare Ansichten verbreitet. Wer also rechtsradikale Parolen verwendet oder sich gar der Ausschwitzlüge bemüßigt, der fliegt schnell aus der Gemeinschaft der Kommentatoren.
Vergebliche Liebesmüh.
Denn mit der gegenseitigen Rücksichtnahme oder gar dem Respekt voreinander ist es nicht weit her im Netz.
Pöbeleien sind vielmehr an der Tagesordnung, gehören geradezu zum Stil so mancher Hobby-Redakteure. Das liegt zum einen am Unvermögen so mancher Zeitgenossen, sich sozialadäquat zu verhalten. Zum anderen wiegt einen die Anonymität in Sicherheit vor Folgen von Beschimpfungen. Was im realen Alltag in Anzeigen oder zumindest in handfesten Auseinandersetzungen münden könnte, ist im Forum scheinbar sanktionslos. Also sich frisch nach durchzechter Nacht an den PC gesetzt und einfach einmal ein paar Schimpfkanonaden losgelassen. Alkohol oder Katerstimmung sind nicht hinderlich. Hierbei ist zu beachten: Bloß nicht argumentieren, sondern immer persönlich werden. Die anderen Kommentatoren gehören mindestens in die Klapsmühle, sind dumm wie Brot und zeigen durch ihre Ansichten und Beiträge, daß sie weder Freunde noch Ahnung von irgendetwas haben.
Nur vorsichtiger formulieren muß man das.
Und zwar so, daß die Zensur nicht merkt, daß man gerade den anderen Vollidioten einen vor den Bug geschossen hat. Und einem am Ende noch den Account löscht.
Viel Feind, viel Ehr. Schließlich geht es nicht darum, in Kontakt zu kommen oder sich gar auszutauschen, etwa noch Meinungen anzuhören oder neue Argumente in sein eigenes Gedankengebäude einzubauen. Es geht vielmehr um Abbau von Frustration. Nicht immer ist das Brüchige in den Verleumdern sofort deutlich spürbar, aber auch subtilere Taktiken, von eigenen Unzulänglichkeiten abzulenken, kommt man auf die Schliche, wenn man nur lange genug einem Forum angehört.
Aber warum sich darüber ärgern.
Denn es gibt ja so viele Communities. Wenn man aus einem ausgeschlossen wird, geht man einfach in das nächste. Wenn es einem in einem Forum mit Beleidigtwerden reicht, wechselt man einfach in ein anderes. Wo man sich unter Umständen wieder begegnet, unter derselben Identität oder einer neuen, es gibt auch davon genug.
Der ewige Kreislauf des Lebens.
Es gibt ihn auch im Netz. Insoweit bildet das Internet das reale Leben doch recht gut ab.