Visionen
19 Apr. 2009 Lustige Zyniker mit einem Hang zu ausgelutschten Sprüchen bemühen gerne die allzu bemühte Redensart: "Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen." Als wären Visionen immer Trugbilder, die nichts mit der Realität zu tun hätten. Wenn niemand Visionen hätte, wenn niemand Vorstellungen hätte, wie etwas sein könnte, aber noch nicht ist, es hätte sich wohl seit der Zeit der Höhlenmenschen nichts geändert.
Warum auch.
Wenn alle nur sehen würden, was gegenwärtig ist.
Aber etwas vor dem geistigen Auge zu sehen, was sein könnte, hat die Menschen schon immer beflügelt. Und die Menschheit vorangebracht. Nicht immer in eine heilsame Richtung, aber jedenfalls im Sinne einer Veränderung. Sicher gibt es auch Irrwege und Irrungen, die Menschen verursacht haben die etwas verändern wollten. Aber daß man heute fast sieben Milliarden Menschen ernähren kann (und visionär auch alle ausreichend ernähren könnte), das ist nicht zuletzt ein Verdienst von Menschen, die an der Effizienz von Ackerbau und Düngung, an optimaler Flächennutzung und Fruchtwechsel gearbeitet haben. Daß man heute sekundenschnell rund um den Erdball miteinander kommunizieren kann, verdankt man Menschen, die sich nicht damit zufrieden gaben, sich allein auf die Lautstärke der menschlichen Stimme zu verlassen.
Und man braucht auch weiterhin Visionäre, will man die anstehenden Umweltprobleme, die bevorstehende Erdölverknappung und auch den Unfrieden zwischen den Religionen und Gesellschaftssystemen irgendwann in den Griff kriegen. Die allgemeine Einstellung, es würde schon alles weiter gehen, sollte spätestens mit der aktuellen, weltweiten Wirtschaftskrise beerdigt worden sein. Und auch die Prognosen selbst konservativer Wissenschaftler bezüglich der Erderwärmung stimmt nicht eben optimistisch. Leider haben die Generationen oftmals wenig auf die Zukunft geachtet, von der Vererbung des eigenen Vermögens einmal abgesehen.
Aber unsere Kinder werden auch unsere Umweltprobleme erben.
Im Großen und Ganzen weiß das jeder, aber bei sich im Kleinen anzufangen, verweigert fast jeder.
Dabei summieren sich die kleinen Sünden zu den großen. Und der Verweis auf größere Umweltsünder als man selbst einer ist, ist nicht durchschlagend: Kein Totschläger wird mit dem Argument gehört, man sollte bei der Bestrafung erst einmal bei den Mördern anfangen. Denn wenn die Natur durch viele Menschen totgeschlagen wird, mag sich die Verantwortlichkeit auf viele Häupter verteilen.
Aber sie ist dennoch vorhanden.
Bei dieser allgemeinen Einstellung müssen drastische Konzepte entwickelt werden, um noch zu retten, was noch zu retten ist.
Visionen von einer deutlichen Einschränkung des Energieverbrauchs etwa werden umumgänglich sein, den Höchstverbrauch an Benzin bei Autos und an Heizenergie bei Häusern zum Beispiel einzuführen. Aber solche Visionen werden mit dem Verweis auf die allgemeine Handlungsfreiheit des Bürgers nicht zugelassen. Bei der Gurtpflicht aber wurde der Bürger auch zu seinem Glück gezwungen, was sich in einer deutlichen Reduzierung der tödlichen Verkehrsunfälle niederschlug.
Aber radikale Vorschläge im noch weit wichtigeren Umweltsegment werden radikal niedergeschlagen.
Als wäre die Vision von einer langlebigen Welt Sünde.
Wir älteren Menschen tun uns im Grunde leichter. Wir werden wohl den völligen Zusammenbruch der Umwelt nicht mehr miterleben. Also könnten wir noch aus dem Vollen schöpfen und nach uns die katastrophale Sintflut kommen lassen, wenn wir nicht mehr leben. Daß manche dies nicht tun wollen, wird erstaunlicherweise von den jüngeren Zeitgenossen angeprangert, die es bequem haben wollen, die ungern zu Fuß gehen und gleichzeitig Fernsehschauen und Videospielen wollen und das Ausschalten eines einzigen Gerätes schon als schweren Eingriff in die persönliche Freiheit werten.
Das mag es auch sein.
Aber vor meinem geistigen Horizont wäre das das Mindeste, was zu tun wäre.
Und noch viel mehr.
Aber da müssen sie wohl selbst darauf kommen. Allerdings leider nicht durch vorausgesehene Visionen
zukünftiger Katastrophen.
Sondern durch gegenwärtige Bewältigung aktueller Katastrophen in ihrer Zukunft.
Die Kraft der Visionäre sollte verhindern, daß es am buchstäblichen Ende nicht heißt: "Ach hätte ich doch früher etwas getan".
Deshalb sollte es jetzt heißen: "Man könnte etwas tun."
Oder auch: "Man müßte zumindest einmal überlegen, was man tun könnte."
Die Kraft der Visionäre sollte verhindern, daß es am buchstäblichen Ende nicht heißt: "Ach hätte ich doch früher etwas getan".
Deshalb sollte es jetzt heißen: "Man könnte etwas tun."
Oder auch: "Man müßte zumindest einmal überlegen, was man tun könnte."