Voyeurismus
25 Jan. 2009 Daß sich ausrangierte Sternchen zur Not mit Maden traktieren lassen, um wieder ein bißchen Ruhm zu ergattern, ist aus ihrer ver-rückten Sichtweise nachvollziehbar. Warum aber Millionen Zuschauer ihre Abscheu gegenüber derlei Ungeziefer - gemeint sind Tiere wie Kakerlacken und Würmer, nicht die Sternchen - überwinden und dabei gerne zuschauen, ist rätselhaft.
Ist es die Erkenntnis, noch nicht so tief gesunken zu sein, daß man glauben müßte, so etwas nötig zu haben?
Oder ist es schlicht die Freude darüber, daß jemand anderem etwas passiert, was man selbst nie erleben möchte?
Schadenfreude war schon immer ein starker Lacherfolg, in den Anfangszeiten des Kinos etwa bestanden ganze Filme aus Mißgeschicken, über die man lachen sollte. Da fielen ständig Leute hin, da flogen dauernd Torten in Gesichter.
Das sind allerdings Handlungsstränge, mit denen man heute keinen Hund mehr hinter dem heißen Ofen hervorlocken würde.
Geschweige denn ein Millionenpublikum.
Voyeurismus im engeren Sinne ist das Zuschauen bei sexuellen Handlungen. Spinnen im Mund sind nun aber völlig unsexy (Ausnahmen sollten einen guten Psychiater haben, wem der Kamm oder anderes beim Gedanken an Insekten im Gesicht schwillt, sollte gut krankenversichert sein).
Das erregt ziemlich viel, etwa Aufsehen oder Ärger.
Aber wohl kaum die Ausschüttung von Sexualhormonen.
Aber im weiteren Sinn scheint das durchaus Befriedigung zu verschaffen. Vielleicht geht es einfach um Grenzverletzungen, um die Übertretung von Tabus. Wie weit kann man gehen?
Das ist allerdings sehr kurzsichtig gedacht (oder buchstäblich gesehen).
Denn die Grenzverletzung von heute ist der Standard von morgen. Und nichts ist uninteressanter als der Standard.
Der Mensch ist an die Attitüde des "Schneller, Höher, Weiter" (oder, im Jargon der Bankenkrise: "Immer Mehr") gewöhnt, er will immer wissen, was hinter dem Horizont liegt.
Ein neues Amerika?
Ein neues Menschheitsbild?
Neue Einsichten in den Bauplan Gottes?
So kann man Zeuge sein, wie es wieder ein Stück weiter geht.
Ganz bequem von der Couch aus.
Berechtigter Einwand allerdings: Eines stellt das Dschungelcamp nicht dar: Eine Errungenschaft. Hier wird weder ein Mittel gegen den Krebs entdeckt, noch auch nur der Tuberkulose-Erreger.
Das bringt die Menschheit nicht weiter.
Und das Paradoxe ist: Jeder weiß es.
Und was auch jeder weiß: Es geht auch ohne.