Allenthalben wird es im Munde geführt: Das Wort von der Ostalgie, der Sehnsucht nach der DDR, wo doch nicht alles nur schlecht war (was schnell geriert zu einem: da war doch vieles besser).
Aber was ist mit der Sehnsucht der Wessis nach dem Zustand vor der Maueröffnung?

Kein Solidaritätsbeitrag. Ein solides Feindbild, das an Wahrhaftigkeit auch nach dessen Enttarnung nichts zu wünschen übrig ließ. Die Fronten waren noch klar abgesteckt. Man konnte sich noch auf der Seite der Grenze wähnen, wo man im Wohlstand lebte, während die Brüder und Schwestern auf der anderen Seite des betonernen Vorhangs in Mangelwirtschaft und Bespitzelungsatmosphäre vegetierten.
Ach, was waren das für herrliche Zeiten.

Früher war alles wesser.

Man konnte noch der Meinungsfreiheit mit dem Argument begegnen, man sollte doch rübergehen, wenn einem hier etwas nicht paßte. Der Vorwurf des Kommunismus oder sogar des Bolschewismus wurde immer dann verwendet, wenn man ansonsten argumentativ nicht weiterkam. Und alle Vorliebe für das Wirtschaftswunder war noch unverdorben. Man durfte noch braver Konsument sein, weil man damit auch den Klassenkampf vertrat. Es lag noch soviel Unschuld darin, im Westen zu leben, auch geistig.
Das hat leider mit den Studentenunruhen Ende der 60er Jahre ein wenig gelitten.

Aber auf der richtigen Seite stand man auch danach, wenn man nur all diese tendenziösen (welch schönes Wort aus dem kalten Krieg, mit dem man den Gegner der Ostblindheit bezichtigte, ja ihn denunzierte) Strömungen geflissentlich ignorierte.
Allerdings ist nunmehr der Standpunkt nicht mehr so einfach zu finden.

Zuviel Ostalgie führt zur Verleugnung der geschichtlichen Wahrheit, zuviel Westalgie zu genau dem imperialistischen Denken, dessen die Ossis die Wessis immer verdächtigten.
Der Mittelweg wäre richtig.

Aber welcher? Ein bißchen Ampelmännchen und Viertaktmotoren? Ein bißchen Sandmännchen und Hollywood-Filme? Rotkäppchen-Sekt und Bananensplit? Broiler und Schweinsbraten?
Wohl bekommt's.

Ost-West-Denken hat offenbar viel damit zu tun, was auf den (auch mal runden oder grünen) Tisch kam.

Das Rad der Geschichte läßt sich ohnehin nicht zurückdrehen. Mag es auch eine Weiterentwicklung des Trabant geben, mag sich die Partei die LINKE auch in den Westparlamenten etablieren: Den Sozialismus in seinem Lauf haben wer auch immer längst aufgehalten. 
Will jemand wirklich Stasi und Planwirtschaft zurück? Gleichgewicht des Schreckens und Mauertote? Gulag und Republikflucht als Straftatbestand? Radikalenerlaß und McCarthy-Ära?
Ostalgie hat eine gefährliche Tendenz.

Westalgie hätte diese nicht minder.


 
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