Weihnachten ist die stille Zeit. Sagt man, nein, man schreit es. Überall hört man weihnachtliche Musik aus billigen Lautprechern plärren oder (was auch nicht besser ist) aus guten Lautsprechern laut in den Ohren dröhnen. Und man ist ständig in Hetze. Selbst diejenigen, die schon all ihre Geschenke gekauft haben (das dürften allerdings die wenigsten sein), sind in ununterbrochenem Terminsdruck.
Weil eine Weihnachtsfeier die nächste jagt.

Denn Arbeitgeber, alle Vereine, denen man angehört und auch so mancherlei Freunde laden schnell noch zu Weihnachtsfeiern ein.

Auch dort geht es nicht still zu. Man macht im besten Fall eigene Musik und macht im schlechtesten Fall eigene Musik. Hauptsache aber: Laut. Denn leise scheint man den Weihnachtsstreß nicht zu ertragen. Man muß sich anscheinend Gehör verschaffen.
Man muß Weihnachtstrompeten erklingen lassen, um all die eingefrorenen Engel zu erwecken.

Wer könnte bei diesem Krach auch schlafen?

Man möchte, denn es ist ja auch die Zeit der Besinnlichkeit. Denn, anders als Pfingsten, wo man frohen Mutes ist (Christus ist ja gerade gestorben), muß man von kirchlicher Seite her an Weihnachten still und besonnen sein, denn die Geburt Christi (nein, Ihr Amerikaner: Der Weihnachtsmann ist nicht an diesem Tag geboren) ist ja schließlich kein Grund zur Freude.
Also ist man laut, denn man widersetzt sich dem Glauben in dieser modernen Zeit.

Und man ist nicht besinnlich, denn die Zeit lädt nicht gerade zum Nachdenken ein.

Und man würde nachdenken, wäre man nur eben still. Und das kann sich der Staat nicht erlauben. Was wäre, wenn jeder nachdächte? Das führt nur zur Besinnung auf Rechte, das sollte man gar nicht erst einreißen lassen. Also wird seitens der Obrigkeit jedwede Aktivität, die die Besinnlichkeit vertreibt, tunlichst unterstützt.
Oder etwa nicht? Darüber sollte man einmal nachdenken.

Ich muß jetzt leider aufhören mit dem Schreiben und dem Nachdenken, denn ich muß auf eine höchst offizielle Weihnachtsfeier.

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