Ein Engländer von Adel heiratet eine bürgerliche Dame. Noch im letzten Jahrhundert Grund genug, auf den Thron zu verzichten, nunmehr Grund für angeblich drei Milliarden Menschen, sich stundenlang vor dem Fernsehen mit Nichtigkeiten an Information verblöden zu lassen.

Warum nur?

 

Wünscht man sich auch in Deutschland die Monarchie zurück?

 

Ein Freund hatte eine andere These: Die Menschen brauchen Rituale für ihre nationale Identität. Wobei sich allerdings fragt, warum dann auch andere als britische Zuschauer vor den Flatscreens saßen und sich eine Braut ansahen, die überraschenderweise in weiß heiratete (wobei man auf jede Farbe im Vorfeld wetten konnte) und die Länge eines ehelichen Kusses in Beziehung zu anderen Küssen frisch vermählter Königsanwärter gesetzt wurde, um die Länge der mutmaßlichen Beziehung abschätzig abschätzen zu können.

Geheiratet wird hierzulande auch, sogar von Adeligen.

 

Warum also das Medieninteresse?

 

Oder hat die mediale Hysterie, nachdem schon wochenlang über dieses (für alle, die nicht zur Familie der Eheleute zählen) belanglose Ereignis berichtet wurde, dazu beigetragen? Wenn man den Menschen nur lange genug die Bedeutung eines Ereignisses eintrichtert, glauben sie dann, daß es sich wirklich um etwas Wichtiges handelt? 

Schade, daß sich Fukushima nicht schon vorher angekündigt hatte, die Menschen hätten auch dem mehr Bedeutung beigemessen.

 

Schon ist ein kleiner Störfall im fernen Japan hinter Knuts Tod und der Hochzeit zwischen gekrönten und ungekrönten Menschen auf Platz drei gerutscht (Dreimal dabei, daher bitte nicht wiederwählen).  Obwohl auch in Fukushima Rituale bemüht werden (wir haben die Lüge im Griff, wir entschuldigen uns für die Lage - oder umgekehrt), weil Japaner ein Leben als einziges Ritual leben, von der Verbeugung der Tepco-Ignoranten über die Suizide der Samurai zu denen der Kamikaze-Flieger.

Aber eine Hochzeit, das ist doch einmal etwas anderes, etwas Positives.

 

Abschalten vom Alltag, daher Anschalten des Fernsehgeräts.

 

Diejenigen unter uns, die als Kitt der Nation allein die Bequemlichkeit und den Egoismus der Leute gesehen haben, mögen sich irren. Wer denkt, die Menschen lieben vor allem ihren Wohlstand, weshalb sie nichts ändern, was den Wohlstand gefährden könnte, wird überrascht in den Nachrichten mit Bildern eines jungen Mannes in einer Gaddafhi-ähnlichen Uniform (jedenfalls, was die Zahl der Orden anbelangt), der einer gleichaltrigen Dame in einer ausländlichen Sprache das Yes-Wort gibt ("Yes, I will", ein Spruch, mit der immerhin ein Amerikaner Präsident werden kann, bevor er rituell von der Opposition geschlachtet wird). Dieses Ritual kennt man auch unseren Breiten, so mancher hat es aber in weniger guter Erinnerung, wie die Scheidungszahlen immer wieder belegen. Auch das Königshaus ist in Deutschland nicht wirklich von aktueller Tradition geprägt (man stelle sich etwa König Foffi I. vor, wie er bei einem Staatsbesuch in Großbritannien der Queen ans Bein pinkelt).

Riten also als Quell des Interesses an der Hochzeit?

 

Wo doch Dortmund fast Meister war (und seit heute ist), also rituell feiern wird, mit Stadtrundfahrt der Fußballmannschaft und Empfang im Rathaus, wo doch Freinächte hinter uns und Walpurgisnächte vor uns liegen, wo doch der 1. Mai naht, wo man den Arbeitnehmern rät, sich bemerkbar zu machen, rituell durch Demonstrationen. Und ständig Mahnwachen gegen die Atomkraft stattfinden, rituell mit immer weniger Teilnehmern.

Nein, ich glaube, es ist diese Mischung aus langer Ankündigung in der Boulevardpresse und Sehnsucht nach der Beständigkeit eines Märchens für das eigene Leben (wobei wir alle selbst dafür verantwortlich sind und stundenlanges Ausharren vor Informationen über die Anzahl der Ehrengäste das eigene Dasein nicht wirklich weiterbringt). Ich glaube nicht an die Kraft der Rituale, die sich ständig wandeln und immer wieder in Vergessenheit geraten. Essen im Familienkreis, der sonntägliche Gang zur Kirche, der Respekt vor dem Alter, alles Dinge, die trotz langer Tradition immer mehr verschwinden. Essen im Vorübergehen, der Gang in die Kneipe und das Glorifizieren der Jugend, das wird momentan rituell begleitet durch Medien und Werbung der Industrie, bis sich wieder andere Lebensweisen durchsetzen. Riten kommen und gehen, selbst Weihnachten wandelt sich, wenn man sieht, wie wenige deutsche Weihnachtslieder junge Menschen heutzutage kennen. Große Dichter geraten in Vergessenheit, während hochgejubelte Castingstars in immer gleichen Auswahlverfahren (auch ein Ritus) schon nach kurzer Zeit wieder in die Unbedeutendheit zurückgeschickt werden. Wenn man sieht, wie wenig die Leute teilweise von der Liturgie in der Kirche wissen, von Grundregeln des guten Benehmens (wie, daß Männer in geschlossenen Räumen keine Kopfbedeckung tragen oder der jüngere den älteren zuerst grüßt) oder auch nur von der Bedeutung grundlegender, christlicher Feste (etwa, was sich an Pfingsten zugetragen haben soll), dann ist es mit Riten nicht mehr weit her.

Da bastelt sich jeder seine eigenen Riten.

 

Vereine halten ihre hochamtlichen Treffen ab, Stammtischgespräche haben ihren ewig gleichen Verlauf (erst schimpft man auf die Politik, dann die Preise und dann auf die Frauen), Politiker gehen gespreizt vor Mikrophone, um die immer gleichen Versatzstücke inhaltlicher Leere abzulassen, Frauen schimpfen auf Männer, die im Stehen pinkeln (schon der zweite Hinweis dieser Art in diesem Blog), Männer schimpfen auf Frauen, die Auto fahren. Daß man über das Urinieren reden darf, ist noch nicht so lange her; und die Erfindung des Automobils ebenfalls nicht. Geheiratet wird ständig, auch vom Adel, von Berichten darüber leben ganze Branchen, allerdings schon geraume Zeit. Die Eheleute fahren in die Flitterwochen, zurück bleiben Analysen über Länge der Schleppe und Kürze der Zärtlichkeiten.

Und die Erkenntnis: Um die Menschheit kann es eigentlich nicht gut bestellt sein, wenn solche Ereignisse als bedeutend gelten, während uns alle drängende Probleme des Umweltschutzes, der Energiegewinnung und der Überbevölkerung (wobei letzteres durch Ehen eher angekurbelt werden) an den Rand der Existenzvernichtung bringen könnten. Aber buchstäblich die Hälfte der Menschen, ob in Armut oder Dekadenz, verschwendet Stunden das angeblich so wertvollen Lebens damit, sich ein Schicksal fremder Menschen, die man nicht kennt, anzuschauen (wobei auch manche lange Blogs schreiben, die kaum 3 Millionen lesen). Menschen, die sich kaum jemals die Dias meiner Hochzeit anschauen würden, so sehr ich sie auch darum bitten würde (täte ich nie), sogar, wenn ich sie dafür bezahlen würde (täte ich erst recht nicht). Die Menschen verzichten sogar auf ihren Lohn (der englische Steuerzahler läßt sich das angeblich 2,3 Milliarden Euro kosten), nur, um beschämt bekennen zu müssen: Ja, ich habe auch zugeschaut.

Das verstehe einer.

 

Aber schon bald ist das Ganze vergessen. Und wenn nicht einer der beiden irgendwann tot in einem Pariser Tunnel endet (was Gott und die Yellowpress verhüten mögen), dann führt aus dieser Vergessenheit auch kein Weg heraus; sie unterscheiden sich darin nicht von anderen Medienstars, die nach dem Casting erkennen müssen: Das Wahre war das auch nicht.

Aber was ist das Wahre?

 

Bis wir das wissen, werden wir wohl noch so manche Hochzeit ignorieren oder verfolgen müssen.

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