Wird man erst dann alt, wenn man schon sehr viel Vergangenheit hinter sich hat? Oder, wenn man in dieser zu leben beginnt, weil die Gegenwart keine Zukunft mehr hat? Oder, wenn in derselben Woche sich das Abitur das 30. Mal jährt und sich Musiker melden, die man vor einem Viertel Jahrhundert zuletzt gesehen hat und die nun ein Video gegen Dich verwenden können, in dem Du mit ihnen auf einer Bühne gestanden hast und Musik gemacht hast, die schon so veraltet ist, daß man sie in der Klassikabteilung ansiedeln könnte?

Wie man sieht, nehmen mit zunehmendem Alter die Fragen zu.

 

In vergangenen Zeiten meinte man, mehr Antworten zu haben.

 

Wobei das Alter den Vorteil hat, daß man es gelassener nehmen kann, nicht auf alles eine Antwort finden zu können. Man hat einen Ausschnitt der Welt erlebt und aus diesem Ausschnitt nicht nur auf die eigene Bedeutung, sondern auch auf den Rest der Welt geschlossen. Man wird wohl das Ganze nicht mehr sehen, aber auch das erfüllt einen nicht mehr mit Sehnsucht. Man hat sich seinen Platz erkämpft und sich an ihn gewöhnt. Nun, da die Vergangenheit im Kalender als kommender Termine steht, scheinen sich aber all die vielen Tore wieder zu öffnen, die einem früher offen standen. 

Damals sah man es gelassen, weil: Man hatte ja soviel Zeit.

 

Jetzt sieht man es gelassen, weil: Man kann nicht alles haben.

 

Wenn man sich vergleicht und feststellt, daß man es gar nicht so schlecht getroffen hat, ist man vielleicht an den richtigen Türen vorbei gegangen und hat nicht nur falsche Entscheidungen getroffen. Und es nagt an einem nicht die Ungewissheit, was bei der einen oder anderen Tür mehr oder Besseres zu holen gewesen wäre. 

Denn hinter so mancher Abzweigung hätte man sich auch verschlechtern können.

 

Die, auf die das zutrifft, trifft man auf Abiturgedächtnisfeiern vermutlich nicht.

 

Und ein Trost bleibt auf jeden Fall: Es ist noch längst nicht zu Ende. Es gibt noch jede Menge Möglichkeiten und Neues zu entdecken. Die Musik begleitet mich etwa seit 35 Jahren, als ich zu ersten Mal auf einer Bühne stand und Krach gemacht habe. Und doch entdecke ich immer etwas Neues, wenn ich eine Gitarre in die Hand nehme. Ich kann immer noch Stücke schreiben und aufnehmen. Aber ich muß niemandem mehr etwas beweisen. Ich kann also zu meinem Abiturtreffen gehen und muß nicht blenden, was ich alles erreicht habe. 

Das ist doch immerhin schon etwas.

 

Das hätte ich vor 25, 30 Jahren nicht zu träumen gewagt.

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