Es gibt keinen Vorruf, sondern nur einen Nachruf. Ein Nachruf ist die Beschreibung eines Menschen, nachdem er gestorben ist. Vorrruf wäre demnach die Beschreibung, wie ein Mensch sein wird, bevor er noch geboren wäre. 
Das erscheint kaum möglich.

Denn nachher ist man immer klüger, weil man vorher prophetische Züge haben müßte, um Vorrufe zu verfassen.

Aber, seien wir ehrlich: Soviel haben Nachrufe auch nicht mit der vergangenen Wirklichkeit zu tun. Da werden ausgesprochene Kotzbrocken in der Rückschau zu wahren Menschenfreunden, da werden Unsympathen über Nacht zu Heiligen. Langweiler führten überaus interessante Leben und war für die Weltenordnung letztlich unentbehrlich. Daß schon der Lateiner über die Toten nichts sagen wollte, wenn nichts Gutes, haben wir uns anscheinend zum Vorbild genommen.
Und so wimmeln Grabreden von Euphemismen, die die Realität zurechtrücken. 

Von der Freude der Erben über ein bißchen Geld extra gar nicht erst zu sprechen (aber eben nicht am Grab).

Man erkennt den Verstorbenen bisweilen gar nicht mehr. Würde sein Name nicht fett auf dem Grabstein prangen, man müßte sich fragen, ob man nicht auf der falschen Hochzeit tanzt, Verzeihung: Auf der falschen Beerdigung trauert. 
Aber hätte man das Recht gegenzusteuern? 

Der Nachwelt die Wahrheit zu erhalten, statt eine Lüge auszuhalten? Der Verklärung entgegenzuwirken? Den Pfarrer, der seine Informationen aus zweiter Hand noch positiv aufbereitet, gelegentlich ins Wort fallen ("Nein, da haben Sie Unrecht. Der Tote hat sich kein bißchen um die Belange seiner Zeitgenossen gekümmert.")?
Schließlich sollte auch er kein falsches Zeugnis ablegen.

Wenn es auch nicht wider den Nächsten wäre.

Aber irgendwie bizarr ist das schon, was man so zu hören bekommt, daß einem dieses fast vergeht. Es wäre nichts zu sagen gegen sachliche Berichterstattung, aber muß man alle Verstorbenen zu Heiligen stilisieren?
Wer hat eigentlich all die Greueltaten und Bestialitäten begangen, wenn alle Dahingeschiedenen mindestens auf einer Stufe mit Mahatma Ghandi oder Mutter Teresa stehen?

Die Weltgeschichte sähe doch anders aus, wären Grabreden auch nur zu einem Bruchteil wahr.

Also könnte man auch Vorrufe schreiben. Sie wären wie Nachrufe letztlich frei erfunden. Sie würden zwar durch das tatsächliche Leben des vorgerufenen widerlegt.
Dies könnte aber durch einen passenden Nachruf für die Nachwelt wieder korrigiert werden. 

 
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