Schon weit vor der Begeisterung um Herrn Obama, auch ungetrübt über die Ressentiments gegen Herrn Bush jun., waberte in Deutschland eine spezielle Art von Amerikanismus. Man saugte wie ein Schwamm alle Strömungen, die von Übersee kamen, dankbar und mit einer gewissen Zeitverzögerung auf. Ob das die Musik war oder die Moden, jederzeit fühlte man sich auf Ton- und Tuchfühlung mit dem großen Bruder auf der anderen Seite des großen Teichs. Auch die Sprache macht sich bemerkbar. So "macht etwas Sinn", was eigentlich Sinn ergeben sollte (aber ergibt das alles wirklich Sinn?).
Und nunmehr sind auch Brauchtum und Rituale an der Reihe.

So war unsereinem in der Kindheit etwa das unsägliche Halloween völlig unbekannt.

Süßes oder Saueres zu verlangen an fremden Haustüren, ist zwar eine gute Idee (wenn man einen guten Zahnarzt und auch eine gute Haftpflichtversicherung hat). Aber man konnte es sich das erst trauen, als man es den Amerikanern abgeschaut hatte. In vielen Spielfilmen brach es über deutsche Kinderzimmer hinweg und setzte eine Lawine in Gang, die im Herbst nicht aufzuhalten ist.
Weh dem, der sich nicht auf energisches Klingeln mit einer Schale Süßigkeiten sehen läßt.

Dabei gab es ähnliches Brauchtum schon vor diesen legalen Erpressungsversuchen: Die Freinacht.

In dieser allerdings werden allein Streiche verübt (ohne Wahlrecht der Opfer), das bayrische Brauchtum ist wohl nicht so sehr auf den eigenen Vorteil ausgelegt wie das des Landes der begrenzten Unmöglichkeiten. Nun verdrängt aber das neue Ritual das alte nicht, sondern steht neben diesem. Mit der Folge, daß man nun Anfang Mai um sein Hab und Gut fürchten muß, während man diese Angst Anfang November durch gezuckerte Hingabe abwenden kann.
Bahnt sich da eine lange Reihe von neuen Feiertagen an?

Was, wenn nach dem Amerikanismus der Türkismus (man sollte diese Möglichkeit nicht von vorneherein ausschließen) oder der Russismus kämen (das wäre vor den 80er Jahren noch undenkbar gewesen, nunmehr nicht mehr)? Und man sich auch dort im Repertoire der Riten bedient, wenn man etwas für sich herausholen kann? Die Franzosen und auch die Engländer haben so ihre Bräusche, und auch die Italiener.
Warum kommt man nie auf die Idee, sich dort Rituale zu klauen?

Oder kommt das noch?

Oder werden sich die Vorlieben fremder Länder vielleicht sogar vermischen? Werden dann nach den Kürbisköpfen andere Früchte mit Gesichtern versehen? Holländische Tomaten, italienische Melonen, griechische Oliven (sehr kleine Gesichter, für die Filigrantechniker unter uns)?
Man wird sehen.

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