Vielleicht sagt wenig so viel aus über die Befindlichkeit einer Nation aus wie ihre Jahresrückblicke. Schwappte schon seit einiger Zeit der Stil der Wohlfühlnachrichten der Privatsender auf die Nachrichtensendungen der staatlichen Rundfunnkanstalten über, so sind mittlerweile auch die Jahresrückblicke vor allem unter dem Gesichtspunkt der Anwenderfreundlichkeit zu sehen. Aus Angst, die Zuschauer könnten die Fernbedienung einsetzen, wird in den Jahresrückblicken nicht gefragt: Was ist im vergangenen Jahr passiert?

Sondern: Was ist passiert, das kurzweilig und unterhaltend war?

 

Oder auch sensationell schockierend?

 

Kein Jahresrückblick kommt ohne Verweis auf einen Modetanz aus Südkorea aus, ohne Hochzeiten des Adels und Nachwuchs mit blauem Blut, ohne Tivialitäten. Wer will so etwas sehen? Unsere Mitbürger? Von was für Kulturbanausen sind wir umzingelt? Ein ehemaliger Fußballspieler von Weltruf ist mit seiner Heirats- und Trennungspolitik mit immer jüngeren Damen, je älter er wird in der Kreisklasse angekommen. Und im Fernsehen. Was ist daran erwähnenswert? Ist das genauso wichtig wie die Naturkatastrophen und die politische Entwicklung in diesem unserem Lande? Eurogipfel, Griechenland, Obama, Pussy Riot. Es ist ja duchaus nicht so, daß nichts passiert wäre im vergangenen Jahr.

Warum ist dann all dies Weltbewegendes durchdrungen von Banalitäten, von Klatsch, Boulevard, nackten, vorgetäuschten Tatsachen?

 

Jedes Land hat die Jahresrückblicke, die es verdient.

Zurück zu Home