Wenn auch neuere Untersuchungen behaupten, daß das Netz nicht einsam macht und die Jugend es mannigfaltig nutzt, um sich etwa zu verabreden und miteinander in realem Kontakt zu bleiben, so geben doch zwei Anzeichen zu Besorgnis Anlaß:

1. Zum einen sollen (ebenfalls neuen Untersuchungen zufolge) die Fähigkeiten der jungen Menschen abnehmen, etwa in Gesichtern zu lesen. Ganz gewöhnliche Gesichtsausdrücke wie Ekel, Überraschung oder Ablehnung konnten durch deutlich weniger Probanten erkannt werden als zu Zeiten, als man sich noch nicht virtuell begegnen konnte. Dies wird darauf zurückgeführt, daß man am Rechner nicht mehr lernt, aus Mimik eines analogen Gegenübers zu lesen. 

2. Zum anderen kann man kaum noch Texte lesen, die nicht von gelbem Lächeln/Mißmut/Zungenbletschen (richtig: Smileys) durchzogen sind oder bei denen nicht zumindest einmal ein "lol" zu lesen ist. Zustimmung ist etwa in Gesichtsbuch nur einen Mausklick entfernt: "Gefällt mir". Hardcore-Ironiker verzichten nicht einmal darauf, Ironie mit "*Ironie-Mode an/aus*" zu brandmarken.

Als könnte man das nicht aus dem Kontext von sich aus herauslesen.

 

Offenbar kann man es nicht.

 

Allerdings ist das Netz auch ein Sammelbecken von Merkwürden und Absonderlingen, deren Meinung vor Ironie nur so zu triefen scheint, aber (man glaubt es oft kaum) betonharter Ernst ist. Auch ist die Menschheit anscheinend so arglos geworden, daß sie es möglich hält, daß jede Art von Unsinn nichts als bittere Wahrheit sein könnte.

Und, zur Bestätigung der Kulturpessimisten: Anscheinend nimmt man alles für bare Münze.

 

Hätte es der Urheber nicht so gemeint, warum hat er es dann so geschrieben? Wenn es anders zu verstehen gewesen wäre, wäre es doch besser gewesen, es auch anders zu schreiben.

 

Also herrscht Kennzeichnungspflicht für Dinge, die man nicht so meint, wie man sie schreibt. Bei gesprochener Sprache hört man dies gewöhnlich am Tonfall und sieht es im Gesicht (wenn man solche lesen kann). Aber einem Text sieht man es nicht von vorneherein an, wie er gemeint sein könnte. Also will man auch die Erklärung mitgeliefert bekommen, wie das Geschriebene zu lesen sei. Offenbar hat man auch verlernt, selbst darüber nachzudenken. Denn frühere Satiriker haben meinem Kenntnisstand auch nicht angemerkt, daß der folgende Text nicht für bare Münze zu nehmen ist (Oder man hat bei meinen Ausgaben von Werken von Swift, Tucholsky und Thurber die entsprechenden Anleitungen einfach entfernt?).

Wie dieser Text gemeint ist?

 

*Baremünzenehmmodus aus*

Zurück zu Home