Das Leben ist eine ewige Kette von Siegen und Niederlagen, von Höhen und Tiefen, von Zeiten, in denen man ein Hoch genießt, und von solchen, in denen ein Tief auf einen hernieder prasselt. Und so nennt man nicht nur die Höhen Hochzeit, sondern auch den einen (oder gegebenenfalls anderen) Tag im Leben, an dem man sich vermählt.
Für einen selbst der glücklichste Tag im Leben.

Aber gilt das auch für die Zeit davor und danach? Und für die Gäste?

Es ist der Zug der Zeit, sich für diesen in immense Unkosten zu stürzen und sich auch monatelang mit nichts anderem zu beschäftigen. Da gilt es, die richtige Tischdekoration auszuwählen und die richtige Musik. Denn es müssen die Geschmäcker gleich mehrerer Generationen getroffen werden. Die Musik darf nicht zu aktuell und auch nicht zu seicht sein. Wer das Pech hat, einen unbegabten Hobbymusiker zu kennen, der schon mit den Hufen scharrt, kann ihn sich durch eine undiplomatische Absage, den Abend lautstark zu gestalten, für den Rest seiner Tage zum Feind machen. 

Dann erfordert natürlich die Frage der Tischordnung eine logistische Meisterleistung. Es gilt, Tante Käthe nicht gerade neben Onkel Hermann zu setzen, denn die beiden haben sich schon länger nichts mehr zu sagen, was man nicht laut schreien müßte. Und auch gilt es, diesen muffigen Buchhalter, den sich Pappi (der die ganze Chose immerhin mitfinanziert) gewünscht hat, irgendwo unterzubringen, ohne gute Freunde zu vergraulen. Dann darf man eingefleischte Kommunisten (wenn man das Pech hat, solche in der Familie zu haben) nicht neben konservative Spaßbremsen positionieren, wenn man nicht auf eine Saalschlacht aus ist. Auch hat man leider in einem Anflug von Schwäche diese flüchtigen Urlaubsbekanntschaften eingeladen, die eher auf ein Harleytreffen passen würden als in den schicken Tanzsaal eines Luxushotels.
Man kann aber auch die ganze Sache modern und unkompliziert gestalten.

Ein paar Stehtische und gedeckte Tische ohne Platzkarten, einen Partyservice für ein kleines Buffet und Musik vom MP3-Spieler.

Dann alle Verwandten, die man mag, gute Freunde und ein paar nette Arbeitskollegen mit einer kleinen, selbstgeschnitzten Karte über Termin und Ort informiert und am Abend dann auf die harmonische Wirkung von Rotwein und Sekt hoffen. Das kann auch schiefgehen, denn solche Einladungen sagt man leichter ab als die hochoffizielle Variante. Aber dann hat man auch nur Leute da, die wirklich da sein wollen. 

Und keine Miesepeter, die nur aus familiärem Pflichtgefühl ihre Freizeit geopfert haben und dies alle anderen auch merken lassen. 
Dann muß auch niemand den ganzen Abend neben der angeheirateten Großtante sitzen, die (wenn man Pech hat) nur über Krankheiten, die man nicht kennt redet oder (wenn man großes Pech hat) ausschließlich über entfernte Verwandte spricht, die man nicht kennt, und was diese beruflich so machen. Dann kann man sich nämlich auch einmal abseilen und zu der freundlichen, jungen Mutter setzen, die sonst keiner kennt und die tatsächlich Geigenbauerin ist. Oder mit dem etablierten Rechtsanwalt über juristische Dinge sprechen, von denen man nichts versteht, aber der es einen nicht merken läßt. Man kann sich mal hier in die Diskussion über Umweltfragen einmischen und kann die politischen Debatte zwischen dem engagierten Linken und dem desillusionierten Christdemokraten großräumig umgehen. Man kann ungeniert eine zweite Süßspeise vom Buffet ergattern, ohne unangenehm aufzufallen und auch die Anzahl der genossenen alkoholischen Getränke kann niemand nennen.
Ja, so mag solch ein Tag auch angenehm vorüberziehen.

Pech, wenn man meist doch auf den steifen Hochzeiten sitzt, wo lange Reden unbegabter Redner meinen, vor unfreiwilligem Humor nur so strotzen zu müssen und Portionen auf dem Teller vor allem reichhaltig und groß sein müssen. Wo man alte Menschen mit schlecht sitzenden Gebissen kaum versteht, aber dennoch nach jedem Satz zustimmend nicken muß. Wo man falsch gekleidet ist, weil zu lässig oder zu wenig rustikal (da wird die Tracht schnell zur Niedertracht). Wo sich so mancher sinnlos betrinkt, was sich auf den Inhalt so mancher Gespräche und auch deren Verständlichkeit nicht eben günstig auswirkt. Wo man dauernd auf die Uhr schaut, wann die Anstandzeit, vor der man sich nicht unauffällig verdrücken kann, endlich abgelaufen ist.
Der schönste Tag des Lebens.

Kein Wunder, daß die katholische Kirche ihn auf die Niederkunft auslegt. 
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