Es wird soviel Aufhebens um das Haar gemacht. Es wird inzwischen mühsam am ganzen Körper entfernt, mit Wachs, mit speziellen Rasierern, mit Schmerzen. Und am Kopf wird es aufwendig bearbeitet, gefärbt, gelockt, geglättet, gegelt, besprüht, toupiert. Und geschnitten, zum Teil radikal. Man trägt Glatze wegen des vermeintlichen Sexappeals oder rechter Gesinnung, man trägt langes Haar aus Protest oder Eitelkeit.
Haar sagt eine Menge aus.

Aber da ist noch ein Aspekt, der gerne geleugnet wird.

Haar ist auch ein Indikator für Aufgabe. Mit dem radikalen Kürzen des Haares verabschieden sich insbesondere Frauen vom Markt der Eitelkeiten. Wenn eine Frau ihr langes Haar auf Streichholzlänge bringt, tritt sie in ein fortgeschrittenes Alter ein, sie verabschiedet sich von ihrer Jugend. Sie entzieht sich den Blicken der Männer. Sie bezeichnet da Ganze zwar gerne als "moderne Kurzhaarfrisur". Aber allein die Notwendigkeit, die Länge des Haares zu verteidigen und mit einem scheinbar positiven Attribut zu versehen, zeigt, daß man etwas kaschieren möchte. 
Langes Haar braucht keine Rechtfertigung. 

Aber kurzes Haar muß begründet werden.

Gerne wird auch behauptet, die Männerwelt war erst wenig angetan und mußte dann zugeben, daß es "doch gut aussieht". Wobei man nicht nur als Frau aufgibt, sondern auch als Mann. Was sollte man auch sonst tun, als sich in sein Schicksal zu ergeben? Man kann die Jugendjahre einer Frau nicht herbeireden, also behauptet man irgendwann charmant, man fände es inzwischen schön.
Es hilft ja nichts.

Man kann ja zumindest weiterhin den Langhaarigen nachschauen.

Die Kurzhaarigen haben das Nachsehen, die Langhaarigen das Nachgesehenwerden. Haar beeinflusst auch die Bewegung. Kurzes Haar schwingt nicht mehr mit beim Gehen, flattert nicht mehr im Wind, gleitet nicht mehr durch die Hände, wenn man es zurückstreicht.
Aber es ist ja so praktisch.

Komisch, daß ansonsten Praktikabilitätserwägungen bei Mode und Aussehen keine Rolle spielen. Weder beim unpraktischen Schuhwerk mit hohen Absätzen (wobei Frauen, mit denen man Pferde stehlen kann, sich oft auch davon verabschieden), noch bei kurzen Röcken, dünnen Strumpfhosen oder großen Ohrringen. Man stakselt über Kopfsteinpflaster, friert gerne im Minirock auf dem Weihnachtsmarkt und bleibt mit dem Ohrschmuck dauernd an der Kleidung hängen. Aber die Haare sind sportlich, sind praktisch, sind im schlimmsten denglisch "stylisch" (was ein Totschlagsargument aller Modebewußten ist).
Aber ist das Haar erst kurz, ist das alles vorbei.

Man gehört zum alten Eisen, nicht mehr zum jungen Gemüse.

Aber dieser Meinung darf man als Mann niemals sein, zumindest dies nicht äußern. Denn Männer verstehen nichts von Styling, es sei denn, sie sind schwul.
Warum dann nicht gleich Glatze tragen?

Das ist doch erst recht praktisch, leicht zu pflegen und vor allem sehr sportlich.

Aber soweit geht die moderne Frau in den Wechseljahren dann doch nicht. Man ist ja immer noch Frau, nur halt mit moderner, stylischer Frisur. 
Das verstehen Männer einfach nicht. 

Richtig: Ich jedenfalls verstehe es nicht.
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