Auf den ersten Blick scheint es eine gute Nachricht zu sein: Ein Obdachloser erbt von seinem Bruder ein Vermögen. Der Erbe muß erst ermittelt werden und ein Detektiv entdeckt den Begünstigten, der seine ganze Habe in einem Einkaufswagen mit sich herumschiebt.

Allerdings hält dieses Glück einer eingehenderen Prüfung nicht stand.

 

Denn wie konnte es zu solch einer Situation überhaupt kommen?

 

Denn während der eine Bruder offenbar im Luxus lebte, war sein späterer Erbe ganz unten angekommen. Man hatte auch offensichtlich keinerlei Kontakt mehr zueinander. Eine feste Adresse hatte der Landstreicher nicht. Und er war kurz vor Erreichen der Nachricht über seinen plötzlichen Reichtum noch brutal verprügelt und seines Geldes bestohlen worden. Was ist da passiert? Haben sich die Brüder völlig voneinander entzweit, aufgrund eines Streites? Aber dagegen spricht, daß in diesem Fall der Verstorbene kaum dem Widersacher sein Vermögen hinterlassen hätte. Steckt eine persönliche Tragödie, etwa eine psychische Erkrankung hinter dem Schicksal des Tippelbruders (witziges Wort in diesem Zusammenhang)? Warum hat man sich nicht um seinen - nahen - Angehörigen gekümmert?

War es schlicht Gleichgültigkeit? Wie konnte es soweit kommen, daß der eigene Bruder vom Nötigsten lebte, während es einem selbst an nichts mangelt?

 

Und ist das nicht auch, so kitschig das klingt, ein Spiegelbild unserer Gesellschaft?

 

Was in der Bibel so gutmenschlich "Bruder" genannt wird, hier war es buchstäblich der eigene Bruder, der im Elend lebte, während man selbst mehr als genug hatte. Mehr als genug, und dennoch hat man zu Lebzeiten nichts abgegeben. Man kann nichts mitnehmen ins Jenseits (für die, die an ein solches glauben), erst recht nicht, wenn nach dem Tode nur ein dunkles, schwarzes Nichts auf einen jeden von uns wartet (woran ich nicht zu glauben wage). Und es hätte einen im Leben nicht eingeschränkt, hätte man seinen Bruder bei sich aufgenommen, ihn zumindest unterstützt, vielleicht sogar wieder auf die Beine geholfen.

Es hätte nicht geschadet, dem Bruder unter die Arme zu greifen.

 

Nach dem Tode mag das gelungen sein, aber für das eigene Seelenheil wohl zu spät.

 

Will uns dieses Beispiel etwas lernen? Sicher. Aber wir werden daraus nichts lernen. Wenn wir also dereinst der Nachwelt etwas hinterlassen, wovon sich die Nachwelt, die uns beerbt, etwas Unnützes leisten kann, stellt sich die Frage: Warum haben wir unseren Überfluß bis an unser Lebensende aufgeschoben und mit uns herumgetragen, während unser Bruder schon zu unseren Lebzeiten im Dreck lebte?

Egal?

 

Weder für die, die auf nichts hoffen nach ihrem Hinscheiden. Und erst recht nicht für die, die nach dem Sterben feststellen müssen: Es wäre doch richtiger gewesen, schon auf Erden ein paar Pluspunkte zu sammeln, um die große Zahl an Sünden aufzuwiegen.

Zu spät.

 

Jetzt noch nicht.

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