Es ist immer schwierig, die Balance zu halten zwischen dem, was der Situation angemessen ist und dem, was man aller vermeintlichen Harmonie zum Trotze sagen möchte. Insbsondere nach dem Tod eines Menschen muß man Rücksicht nehmen auf die Befindlichkeiten der Angehörigen und nahen Freunde.
Muß man aber auch alle vorgetäuschte Betroffenheit aushalten?

Die Trauermärsche und Kondolenzbeteuerungen für einen von eigener Hand gestorbenen Prominenten kratzen durchaus auch an der Toleranz, was man an steifer Feierlichkeit noch dulden muß.

Ich kannte Herrn Enke nicht persönlich und wie mir mag es vielen gehen. Er mag ein guter Torhüter gewesen sein, was ich als Fußball-Laie nicht beurteilen kann. Aber in seinem Beruf gut, vielleicht sogar herausragend zu sein, das unterscheidet ihn nicht von vielen anderen, die allerdings weniger bekannt sind. Und die auch ihre Probleme mit sich herumtragen.
Und die auch durch Schicksalsschläge gebeutelt sind, die dem Verlust eines eigenen Kindes durchaus vergleichbar sind.

Ohne dies herabwürdigen zu wollen: Aber hat nicht jeder sein Kreuz zu tragen?

Wieviel Elend gibt es um einen herum, wieviele Menschen, die nie etwas erreichen, denen keiner mal auf die Schulter klopft und sie für etwas lobt. Das war bei Herrn Enke anders, der hatte äußere Umstände, von denen die meisten Menschen nur träumen können. Sicher war er mit einer Krankheit geschlagen, die er vor der Öffentlichkeit verbarg. Aber auch das ist bei vielen anderen Mitmenschen nicht anders: Da spielen gesundheitliche Probleme oftmals eine Hauptrolle in so manchem Leben. Da diktiert eine Behinderung oder schwere Erkrankung den Alltag und schließt die Menschen von vielem aus, was sie gerne einmal erleben würden.
Der Nationaltorwart aber hat insoweit seinen Traum gelebt.

Ist es das, was die Menschen scheinbar oder anscheinend so erschreckt?

Wenn sogar solch ein Vorzeige-Sportler, den die Medien und wohl auch seine Vereinskameraden liebten, Selbstmord begehen kann, wie schaut es dann mit meinem kleinen, bescheidenen Leben aus? Was kann der Normalverbraucher, der kleine Mann von der Straße noch in die Wagschale werfen, um zu überleben?
Oder hat da jemand, der alle Trümpfe in der Hand hielt, schlicht versagt?

Darf man das angesichts eines Selbstmordes sagen? Oder verbietet das das Feingefühl?

Man wird aber dennoch die Frage stellen dürfen, was das Schicksal dieses Torwartes für das eigene Leben bedeuten mag. Wie man mit seiner Situation fertig werden muß oder kann, wie man mit den Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, umgeht, wenn solch jemand, der auf der Sonnenseite zu leben scheint, tiefe Schatten erkennen läßt.
Das Ziel sollte jedenfalls darauf gerichtet werden, weiterzuleben.

Aber wer kann schon sagen, was in den Menschen vorgeht. Keineswegs darf man andere verurteilen. Dennoch muß man für sich selbst immer wieder Kraft schöpfen und darf nicht wegen des berühmten Beispiels das Nachgeben gegen den Unbill des Lebens auch für sein Leben rechtfertigen.
Wenn der schon nicht kann, dann muß ich auch nicht.

Die erste Prämisse im Leben heißt: leben. Wenn das Leben überhaupt Sinn haben soll. Sich zu ergeben, aufzugeben, das bricht sich mit der Aufgabe, die jeder Mensch hat.
Das mag leichter gesagt sein als getan.

Aber vor dem Tun sollte man sich immer klar sein, was man tut. Und klarmachen, was man will.

Der Tod von Herrn Enke wäre vermutlich vermeidbar gewesen. Selbst, wenn er nicht mehr im Tor der Nationalmannschaft gestanden wäre, das wäre doch kein Weltuntergang gewesen. Tiefen gehören zum Leben. Und erst im Mißerfolg zeigt sich, was in einem steckt (wobei auch Erfolg nicht immer leicht zu ertragen ist).
Wie gesagt: Nicht verurteilen.

Aber Lehren für das eigene Dasein ziehen.

Zurück zu Home