Diese Tage eignen sich wieder hervorragend für ein Fazit: Was hat das Jahr gebracht? Hat es die Menschheit weitergebracht? Was könnte man noch verbessern (wobei: Für letzteren Punkt reicht der Umfang dieses Blogs leider nicht aus)? Die Zusammenfassungen des Jahres, bemüht, auch das Positive zu sehen, strotzen vor Lenas und Weltmeisterschaftserfolgen (immerhin Dritter, wie letztes Mal), vor geretteten Bergleuten und im New Yorker Hudson gelandeten Flugzeugen.

Friede, Freude, Pfefferkuchen.

 

Allerdings war 2010 auch wieder ein Jahr der Katastrophen. Und das nicht nur wegen des Niedergangs der FDP (oder gehört das zu den guten Nachrichten?), sondern auch, weil die politische Moral einmal mehr gelitten hat (wenn es sie denn überhaupt noch gibt). Ob man in Rußland einen politischen Widersacher mit ausgesprochen fragwürdigen Anklagen aushebelt (obwohl er schon seit Jahren aus fadenscheinigen Gründen ohnehin im Gefängnis sitzt) oder im Inland einem Rechtspopulist zu einem Millionenvermögen verhilft, indem man seine in ein Buch gefasste, krude Thesen durch Kauf des Machwerks adelt (oder ist das eine private, keine politische Affäre?). Anwälte machen aus ordentlichen Prozessen eine Showveranstaltung zu eigenem Ruhm und auch in anderen Ländern beweist so manches Regierungsoberhaupt, daß man sich auch auf hohem Niveau lächerlich (und nicht nur sich, sondern auch sein Land, etwa in Italien) machen kann.

Aber das interessiert nur wenige.

 

Wichtiger ist doch: Wie war das Jahr für mich persönlich?

 

Da gewinnt, wenn man alles bilanziert, meistens die Seite mit den positiven Aspekten (wenn man nicht gerade durch eine persönliche Katastrophe betroffen ist, die alles andere aufwiegt). Da überwiegen die schönen Momente gegenüber dem, was das Jahr versprochen (oder man sich vom Jahr), aber nicht gehalten hat. Wenn man die Ziele nicht ganz utopisch gesetzt hat, ist man ihnen vielleicht zumindest ein Stück näher gekommen.

Da erträgt man die tägliche Katastrophenschau in den Nachrichten vielleicht auch wieder besser.

 

Schau, wieder Hunger und Dürre und Unfälle und Gewaltverbrechen und Bombenattentate irgendwo auf der Welt.

 

Und der Mensch vergißt so schnell. Die Rückblicks-Orgien im Fernsehen bringen es an den Tag: So manche Schreckensbotschaft, die auch nur ein paar Monate her ist, ist längst in den hinteren Enden des Gedächtnisses verschwunden. Das war dieses Jahr? Kommt mir vor, als sei es schon Jahre her. Wer ist nicht alles gestorben, den man wohl nicht mehr wirklich vermisst. Wo haben Unwetter, Überschwemmungen oder Vulkanausbrüche Tausende getötet oder obdachlos gemacht, was man aber nicht mehr in Erinnerung hat. Was hat es wieder an Schweinereien gegeben, was man aber wieder nicht geistig gespeichert hat.

Offenbar heilt die Zeit - sei sie auch noch so kurz - alle Wunden. In unserer schnelllebigen Zeit in immer kürzerer Zeit (ein Triumph moderner Medizin oder modernen Aberglaubens?). Und immer härtere Schicksalsschläge werden verdrängt.

 

Glücklich ist, wer vergißt, was er ohnehin nicht sehr vermißt.

 

Was ich damit eigentlich Böses sagen wollte?

Habe ich bei soviel positiver Energie wohl vergessen.

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