Es bewegt die Öffentlichkeit und auch die Medien: Immer wieder werden Arbeitnehmer wegen tatsächlich oder vermeintlich begangener Diebstähle gekündigt, in Einzelfällen nach langjähriger Anstellung. Und das bei Beträgen von wenigen Euro. In unseren schweren Zeiten ist die Kündigung oftmals der erste Schritt hin zum Sozialhilfeempfänger. Andererseits haben Manager in den Konzernspitzen von Banken ganze Wirtschaftssysteme in die Krise gestürzt und bekommen für eine Auflösung ihres Arbeitsvertrages noch millionenschwere Abfindungen.
Ist das gerecht?

Aber man muß auch sehen: Kann man das eine mit dem anderen vergleichen?

Ohne die raffgierigen Bankiers verteidigen zu wollen: Das eine nimmt dem anderen nichts. Daß auch wenig erfolgreiche Spitzenmanager fristlos gekündigt würden, hilft dem einzelnen, wegen einer Straftat gekündigten Arbeitnehmer wenig. Und daß beide, insbesondere auch die Mißwirtschafter ihre Arbeitsplätze behalten müssen, ist für die Außenwirkung und auch die Allgemeinheit nicht zu begrüßen. Zudem haben die Manager sich nicht an fremdem Eigentum vergriffen.
Vor allem aber muß sich auch ein Arbeitgeber nicht bestehlen lassen.

Dafür gibt es nach der festen Rechtsprechung der Arbeitsgerichtsbarkeit keine Bagatellgrenze und auch keine Ausnahme.

Denn gäbe es eine Bagatellgrenze, dann müßte der Arbeitgeber sich unterhalb dieser bestehlen lassen. Der Arbeitnehmer könnte sich sagen: Wenn ich nicht erwischt werde, dann gut. Und wenn doch, dann kann mir letztlich nichts passieren, höchstens eine Abmahnung. Dieses Risiko sind sicher so einige Mitarbeiter bereit einzugehen. Oder stellt man auf die Länge des Beschäftigungsverhältnisses ab? Nach dem Motto: Pro angefangene Dekade der Beschäftigung fünfzig Cent sind vom Arbeitgeber hinzunehmen, wobei eine Mindestzeit von zehn Jahren angezeigt wäre? Würde man das selbst privat hinnehmen, etwa vom langjährigen Nachbarn, der einem den Rasenmäher stibitzt? Wenn die Haushaltshilfe einfach mal ein paar Dinge aus dem Kühlschrank zu Hause gut gebrauchen könnte? Wenn der langjährige Lieferant von Heizöl oder der Zeitung einfach mal vergißt, ein paar Deko-Figuren im Garten dazulassen? Nein? 
Warum sollte der Arbeitgeber das dann hinnehmen müssen?

Dafür gibt es auch keine Rechtfertigung. Es sei denn, man betrachtet Eigentum als solches als Diebstahl. 

Und eine unangenehme Wahrheit muß man auch aussprechen: Es wird viel geklaut in deutschen Büros. Die Mitnahme von Büromaterial oder auch mal einem kleinen Bauteil aus einer großen Kisten von vielen Bauteilen gilt vielerorts als Kavaliersdelikt. Das mache doch wohl jeder, da sei doch nichts dabei. Zudem nimmt mit zunehmender Anstellungsdauer auch die Distanz zum Eigentum des Arbeitgebers ab. Man gewöhnt sich schnell an seinen Arbeitsplatz. Und sieht auch das benutzte Werkzeug und Material zuweilen als seines an. Ist schließlich meine Firma, also auch mein Eigentum.
Es wird viel geklaut, und das beileibe nicht nur von Kunden und Ladendieben.

Und sich gegenüber dem eigenen Personal zu schützen, ist für den Arbeitgeber ungleich schwerer. Gegen Diebstähle von außen helfen Detektive und Alarmanlagen. Aber sich gegen die eigenen Mitarbeiter zu wappnen, das ist oftmals kaum möglich. Und erzeugte auch ein Klima des Mißtrauens, das kontraproduktiv zu einem angestrebten guten Betriebsklima wäre. Und so ist jeder Einzelfall auch nicht hinzunehmen, auch als abschreckendes Beispiel. 
Wenn keine Kündigung erfolgt, erzeugt das möglicherweise Nachahmer. 

Und hier gilt der Grundsatz: Wehret den Anfängen.

Und noch ein Gedanke sollte hier nicht unerwähnt bleiben: Bei einem Bagatellschaden trennt sich ein Arbeitgeber nur ungerne von verdienten Mitarbeitern, von ihrem Wissen und Können und auch vom Wert für das Unternehmen. Die Entlassung fällt aber leichter bei Mitarbeitern, deren Arbeitsleistung nicht so hoch zu bewerten ist, die vielleicht öfter krank sind und eher Sand im Getriebe sind. Hier mag der Boss auch nach einem geeigneten Grund suchen, den mißliebigen Untergebenen loszuwerden.
Und da kommt ihm ein Diebstahl gerade recht. 

Da fürchtet man auch den öffentlichen Aufschrei nicht.

Einen weniger angenehmen Angestellten weiter beschäftigen zu müssen und das Risiko zu tragen, weiter - wenn auch von anderen Arbeitnehmern - bestohlen zu werden, das erscheint so manchem Unternehmer nicht tragbar. Daran ist auch für den Entlassenen kein Honig zu saugen: Wenn ein Kündigungsgrund tatsächlich vorliegt, kann dieser nicht damit entkräftet werden, daß dieser "nur vorgeschoben" sei.
Wobei man sich als ebensolcher Mitarbeiter nun einmal schlicht keine Blöße geben darf.

Wer nicht so wohl gelitten ist und dazu noch stiehlt, der sollte sich nicht wundern, wenn er gekündigt wird.

Ob das allerdings auch für Wegnahme von Abfall gelten sollte oder auch Dingen die auf jeden Fall entsorgt werden, sollte noch näher juristisch geprüft werden, ebenso der Fall der so genannten Verdachtskündigung. Wenn ein Müllmann Sachen aus dem Hausmüll recycelt, erscheint der Diebstahlsvorwurf fraglich. Anders liegt das bei zu entsorgenden Auswurfgegenständen oder Restbeständen: Müssen nach Order des Inhabers hergestellte Speisen oder Waren weggeworfen werden, wenn sie nicht verkauft werden, so ist die weisungswidrige Mitnahme derselben fatal: Denn dann könnte man als Arbeitnehmer bei der Produktion daran mitwirken, daß Produkte fehlerbehaftet sind und auf diesen Zustand bewußt hinarbeiten. Auch könnte man bewußt falsch aussondern, um sich anschließend zu bereichern, auch arbeitsteilig mit mehreren Kollegen.
Beispiele dafür gibt es genug.

Meiner Ansicht nach bleibt es dabei: Diebstähle hat ein Arbeitgeber nicht hinzunehmen. Sollte der Arbeitgeber nicht einlenken, kann das nicht zu seinen Lasten gehen. 
Wie gesagt: Wenn man sich vorher als Mitarbeiter unentbehrlich gemacht hat, sieht das möglicherweise anders aus. 
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