Früher war es schwerer, berühmt zu werden. Man mußte schon Weltliteratur produzieren, Symphonien komponieren oder jahrelang Kirchen in Rom bemalen oder meterhohe Statuen aus Marmor meißeln, bevor man als berühmt galt.

Heute gibt es leichtere Wege.

 

Und es werden täglich mehr.

 

Ob man in einer Castingshow zu kurzzeitigem Ruhm gelangt oder durch ein Video auf YouTube, weil man ein Kind hat, das noch trunken ist von der Betäubung beim Zahnarzt, es ist eine Zeit der unbegrenzten Möglichkeiten. Gerade sehr aktuell ist die bildliche Darstellung eines alten Mannes mit Bart, was einen weltberühmt, aber auch mausetot werden lassen kann. Allerdings ist früher Tod günstig für eine dauerhafte Bekanntheit. Paris Hilton etwa war einmal sehr bekannt, aber Altern steht selbst bei IT-Girls (nicht zu verwechseln mit Golden Girls, auch, wenn man etwas zu vergolden hat) einer Dauer als VIP leider im Wege. Wobei alte Sternchen immer für einen Bericht gut ist unter der Rubrik: "Was wurde eigentlich aus Christian Wulff?"

Es wurde auch versucht, ein Gerücht zu verbreiten, das vorher kaum jemand kannte, indem man es dementiert und damit zumindest die Bestsellerlisten anführen kann. 

 

Wer nichts kann und dafür nicht berühmt wird, kann zumindest jemanden umbringen (eine Bibliothek anzuzünden, reicht dagegen schon lange nicht mehr).

 

Aber es fällt langsam schwer, wirklich aufzufallen. Irgendwann leben wir in einer Welt, in der jeder berühmt ist. Nur Vereinzelte sind sogar dafür zu unflexibel. Auf der Jagd nach Nachrichten wird aber die Boulevardpresse gerade diese Gruppe für ihre Magazine entdecken und damit bekannt machen.

Dieser Mann - ist nicht berühmt. Erschreckende Bilder nun von unserem Reporter. 

 

"Karl-Heinz Mustermann (Name von der Redaktion nicht geändert, um diesen unhaltbaren Zustand zu beenden) hat sich noch nie talentfrei bei einer Talentshow beworben, er hat noch nie eine einzige Mohammed-Karikatur gezeichnet und er weigert sich hartnäckig, Google zu verklagen, weil bei Eingabe seines Namens der Begriff "Personalausweis" automatisch vorgeschlagen wird. Er wohnt in einem Haus, das ihm nicht von Tine Wittler eingerichtet wurde und läßt seine Kinder nicht von der Supernanny erziehen. Keines seiner Kinder hat eine seltene Krankheit, die man ausschlachten könnte und er weigert sich, sein Auto von Proleten mit Proletengeschmack in eine Zuhälterschleuder mit Großbildfernseher umgestalten zu lassen. In seiner Umgebung wurde niemand ermordet, er kann also nicht schildern, welch guter Nachbar der Dahingeschiedene doch war (wenn man auch immer vermutet hätte, daß das mit dem nicht gut gehen würde).

Was also stimmt mit ihm nicht?"

 

Und all die berühmten Menschen vor ihren Riesengroßfernsehern starren entsetzt auf den Einzigen mitten unter ihnen, den keiner kennt.

Und lernen ihn gerade kennen.

 

Ab jetzt gibt es keine Unberühmten Menschen mehr auf der Welt.

 

Und alle Autogrammjäger jubeln. Sie müssen nicht mehr bei Wind und Wetter in windigen Hoteleingängen herumlungern, bis der Star gnädigerweise erscheint. Es reicht schon, in der U-Bahn alle Mitreisenden unterschreiben zu lassen. Oder einfach mal in der Nachbarschaft vorbeizuschauen. Da gibt es doch diesen Neuberühmten, den keiner kannte?

Und es ist eine echte Herausforderung, die Unterschriften aller Erdbewohner zu bekommen.

 

Wenn man die als Erster alle hat, steht man sicher im Guinnessbuch der Rekorde.

 

Auch eine Möglichkeit, wieder mal berühmt zu werden. 

Ach, wie langweilig, ich bin doch schon berühmt.

Zurück zu Home