Wie erklärt man nur die allgemeine Begeisterung für die Weltmeisterschaft im Fußball der Herren? Allein damit, daß die deutsche Mannschaft weit gekommen ist und gut gespielt hat? Aber der neudeutsch "Hype" genannte Zustand war auch schon im Vorfeld zu spüren, als man noch gar nicht wußte, wohin die Reise führt. Dennoch wurden allerorten schon nach dem ersten Spiel Autocorsos abgehalten und wild Fahnen geschwenkt. In den Landesfarben taumelt und tanzt der Bürger auf den Strassen.

Und das im Kollektiv.


Deutschland, ein Sommermärchen Teil 2.


Man muß sich vielleicht überlegen, daß die junge Generation all die Beschämtheit der Nachkriegsgeneration und ihrer Kinder hinter sich gelassen hat. War in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg der Nationalstolz noch verpönt, weil man vor allem verdrängte, war er auch in der Aufbruchsgeneration der 60er und 70er Jahre eher verdächtig, weil man hinter ihm gleich die Rückkehr in vergangene Zeiten befürchtete. Erst die junge Generation ist vor allem eines: Unpolitisch. Politiker stehen eben nicht hoch im Kurs und vor allem das Vergnügen hat einen hohen Stellenwert.

Da kommt eine kollektive Feier gerade recht.


Und gemeinsames Bindeglied dieser Feierbewegung ist die schlichte Tatsache, daß man eben Deutscher ist. Deutschsein ist kein Anzeichen von Intoleranz mehr. 

Wenn man es schafft, friedlich neben Anhängern anderer Nationalmannschaften zu feiern.


Und der Fußball ist ein weiterer Faktor, der die Menschen zu verbinden scheint. Er ist Sportart Nummer eins rund um den Erdball und speziell in Deutschland hat man in dieser Disziplin Erfolge vorzuweisen und ist auf Weltniveau. Man begegnet den anderen Völkern auf Augenhöhe, ein Kräftemessen, das auch zugunsten der eigenen Mannschaft ausgehen kann. Und Fußball ist auch längst keine Domäne der unteren Bevölkerungsschichten mehr, denn sogar Intellektuelle haben den Reiz des Spiels für sich entdeckt. Es gibt gelehrige Bücher über das runde Leder und warum es kein Leder oder gar rund sein muß, um es genießen zu können.

Der Fußball gleicht die Unterschiede aus.


Und er sorgt für positive Nachrichten in der meist negativen Presse, die von Katastrophen, Krisen, Toten und Unordnung, Chaos und Gefahren kündet.

Und man setzt sich dem Nationalismusvorwurf auch schon deswegen nicht aus, weil in der Eliteauswahl sehr viele Menschen mitspielen, deren Vorfahren aus aller Herren Länder kommen.


Und nimmt man nun die fehlende Scham für die nationale Identität und die Begeisterung für den Fußball zusammen, dann ergibt sich fast zwangsläufig, daß die Weltmeisterschaft sich hervorragend dazu eignet, die Deutschen in einen Freudentaumel zu versetzen. Einfach mal die Sorgen des Alltags vergessen und sich als Teil eines großen Ganzen zu fühlen, eines positiven Ganzen, Teil von etwas Größerem, als man im Alltag sein mag.

Die Nationalspieler als Identifikationsfiguren für das kollektive Über-Ich.


Die Landesfarben als Symbol für alles, was man sich für die Zukunft wünscht: Kampf gegen die Widrigkeiten.

Und Sieg.


Wir feiern uns alle selbst für etwas, was wir nicht getan haben.

Aber was wir uns alle wünschen.

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