Es ist so eine Sache mit der irdischen Gerechtigkeit: Kaum eine Entscheidung von Gerichten wird von allen als gerecht empfunden. Den Geschädigten oder jenen, die es schon einmal waren, ist die Strafe meist zu milde. Den Tätern und denen, die es schon einmal waren, sind die Strafen meist zu hoch. Auch den Angehörigen von Opfern erscheinen so manche Ahndung oft als Aufruf zu Straftaten (und erscheinen als Rächer der Verletzten), die Täter aber fühlen sich meist schon bei der Strafverfolgung an Diktaturen erinnert (und erinnern daran).

Allerdings gibt es hierzulande nur Geldstrafen und Freiheitsstrafen als Hauptstrafen.

 

Maßnahmen, die den etwa Führerschein betreffen, sind Nebenstrafen oder sollen der Sicherung und Besserung dienen.

 

Da ist es zuweilen schwer, bei einem Strafverfahren dem höheren Ideal einer absoluten Gerechtigkeit gerecht zu werden. Was hat etwa eine Vergewaltigung mit einer Haftstrafe zu tun? Wenn man jemanden der Freiheit beraubt und dann selbst eingesperrt wird, das erscheint nachvollziehbar. Wieso wird ein (folgenlose) Trunkenheitsfahrt mit einer Geldstrafe geahndet? Bei einem Diebstahl auch dem Täter in die Tasche zu greifen, das erscheint folgerichtig. Aber sollte man den Trunkenheitsfahrer selbst der Gefahr aussetzen, von einem Trunkenbold angefahren zu werden? Und wie maßregelt man einen Sexualtäter? Indem man ihn seinerseits penetriert?

Welchen Ausgleich darf und kann die Gemeinschaft bei Regelverletzungen erwarten?

 

Archaische Gesellschaften hatten da rigidere Maßnahmen. Wie Du mir, so ich Dir. Noch im antiken Persien sollte der Architekt dran glauben müssen, wenn sein Bauwerk einstürzte und seinen Auftraggeber tötete. Wenn allerdings der Sohn des Bauherrn ums Leben kam, sollte der Sohn des Architekten hingerichtet werden. Was nicht unbedingt gerecht erscheint, denn was kann der arme Sohn des Architekten für die Fehler seines Vaters? Und was, wenn der Architekt keine Kinder hat? Gut durchdacht erscheint dieses Prinzip des "Auge um Auge, Zahn um Zahn" nicht.

Es hat allerdings noch heute Gültigkeit im Iran.

 

So darf eine Frau, der ein Täter mit Säure das Gesicht verätzte und das Augenlicht nahm, ihrerseits dank eines entsprechenden Richterspruchs dem Übeltäter Säure in die Augen träufeln.

 

Was nichts anderes als barbarisch erscheint. Auch die Handhabung, Dieben die Hände abzuhacken, ist nach westlichem Verständnis nicht angemessen (wobei es immer noch als milder erscheint als die auch in unseren Breiten zum Teil geforderte Todesstrafe). Ist es gerecht, einen Zehnjährigen wegen Mordes an seinem Vater schon zu belangen? Ist es gerecht, wenn eine Frau den Mörder ihres kleines Sohnes hinrichtet und dafür selbst belangt wird? Ist es gerecht, wenn ein Mensch immer wieder Bagatelldiebstähle begeht und dafür irgendwann eingesperrt wird?

Was also ist Gerechtigkeit?

 

Der kleinste, gemeinsame Nenner der Staatsbürger?

 

Oder soll man auf die göttliche Gerechtigkeit warten und sich hier unten auf Erden damit begnügen, daß der Täter seine Seele verspielt hat? Wobei der Täter ab diesem Zeitpunkt ein sehr ungezwungenes Leben führen könnte, denn schlimmer kann es nicht kommen und er könnte durch Untaten zumindest sein irdisches Leben noch verbessern. Das täte der Gesellschaft nicht gut. Auch kann man nicht zulassen, daß die Geschädigten und ihre Angehörigen selbst einen Ausgleich schaffen, weil zu befürchten wäre, daß sie über das Ziel hinausschössen, von der Gefahr eines Justizirrtums einmal ganz abgesehen.

So hat man das Recht in die Hände des Staates gelegt, der es allein ausüben muß.

 

Und hierzulande ist noch keinem etwas Besseres eingefallen, was der Mehrheit gefiele, als Geld- und Freiheitsstrafen zu verhängen. Man darf keinen Vergewaltiger vergewaltigen und keinen Gewalttäter die Augen verätzen. Beide kann man einsperren, muß sie aber wieder irgendwann freilassen. Dann leben sie in Freiheit, aber deren Opfer leiden möglicherweise immer noch. Die Tugend des Verzeihens ist leicht gefordert, aber zuweilen schwer zu verwirklichen. Und auf Einsicht bei jedem Täter zu hoffen, wäre naiv.

Was also wäre gerecht?

 

Um Vorschläge wird gebeten.

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