Es muß immer wieder herhalten für alle Bereiche, in denen Menschen meinen, zuviel zu zahlen: Das Wort, das eher ein Unwort und alles andere als subtil daherkommt, wird in allen möglichen Situationen geradezu inflationär verwendet. Und das auch in Fällen, wo es ausgesprochen unangebracht ist.
So etwa bei der Ahndung von Ordnungswidrigkeiten. 

Jede Kontrolle der Polizei ist natürlich nur Abzocke.

Dabei wird gerne übersehen, vor allem, wenn es sich um eigenen Verfehlungen handelt, daß es gerade im Straßenverkehr um Leib und Leben von Menschen geht. Auf deutschen Straßen sterben jährlich Tausende, gar nicht erst zu sprechen von den dauerhaft Versehrten, von den Verstümmelten und ihren Angehörigen, die auch darunter leiden müssen. Die Opfer sind nur zu einem Teil solche von alkoholisierten oder drogenberauschten Fahrern. 
Die meisten Unfälle gehen auf Überschreitung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit zurück.

Wer je an einer Unfallstelle kleine Kinderfüßchen aus einer Plane hat hervorlugen sehen, der wird dies zum einen nie wieder vergessen und zum anderen vorsichtig sein bei der Verwendung des Wortes Abzocke im Hinblick auf Verkehrssünder.
Daß sich Rechtsanwälte hierbei oft als bezahlte Büttel ihrer uneinsichtigen Mandanten verstehen, macht es auch nicht besser. 

Damit wird eher das eigene schlechte Gewissen oder die eigene Verantwortungslosigkeit kaschiert als ein wirklich unannehmbarer Zustand gebrandmarkt. Warum hält man sich auch nicht an die Verkehrsvorschriften? Und wenn man sich nicht daran hält, dann riskiert man doch bewußt eine Geldbuße oder auch ein Fahrverbot. Das sollte man doch als erwachsener Mensch wissen. Dann dies als bloße Beschaffung von Geld herabzuwürdigen, ist fehl am Platze. Zum einen sind Bußgelder, anders, als man denkt, nicht kostendeckend, wenn man den ganze Aufwand, der von Seiten der Polizei und auch der Justiz dahintersteht, einrechnet.

Und auch das Argument, daß an einer bestimmten Stelle keine Gefahr lauert, kann man nicht geltend machen. Zum einen müßte sich jeder überall an die Vorschriften halten. Zum anderen kann der einzelne gar nicht ersehen, ob an einer Stelle ein Gefahrenschwerpunkt besteht. Auch an geraden Stücken kommt es zuweilen vermehrt zu Unfällen. Auch übersieht man schnell - im doppelten Sinn des Wortes - auch einmal eine nahe Schule oder eine gefährliche Ausfahrt.
Es steht dem Einzelnen auch nicht zu, jederzeit überall für sich selbst zu entscheiden, ob die Straßenverkehrsordnung hier auch für ihn gilt.

Zudem muß gesehen werden, daß die Bußgelder in Deutschland deutlich niedriger sind als in den meisten Nachbarländern. Und auch die Voraussetzungen für die Ahndung sind deutlich strenger als in den meisten anderen Ländern. 
Aber die Menschen müssen in Deutschland auch immer mehr jammern als anderswo.

Und wer sich abgezockt fühlt, weil er einen Fehler gemacht hat, der handelt doch eigentlich paradox: Der Rechtsbrecher (denn das ist jeder Verkehrssünder) hadert mit dem Recht.
Moralisch ist das jedenfalls nicht zu rechtfertigen.

Schon gar nicht mit einem wenig hinterfragten Unwort.

 
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